Vortrag von Dr. Robert Ivancic auf der Elliott-Tagung in Ochsenfurt

"Börsenpsychologie" 

Editierter Text des Vortrags zum Thema „Börsenpsychologie“ auf der Elliottwellen-Tagung vom 9./10./11. Februar 2001 in Ochsenfurt.

Autor :Dr. Robert Ivancic, kursive Textstellen wurden nachträglich editiert.

Begrüßung

Börsenpsychologie ist Begriff, den man als Börseninteressierter häufig zu hören bekommt. Wer beispielsweise regelmäßig Telebörse sieht, wird nicht umhinkommen, Psychologie als Erklärung für vermeintlich oder tatsächlich irrationales Anlegerverhalten präsentiert zu bekommen.
Typische Sätze sind beispielsweise, die Behauptung, die Anleger hätten den schlimmsten aller Börsenfehler begangen, nämlich in Panik verkauft. Der Markt sei einfach in schlechter „Stimmung“

Meist wird mit diesen Ausführungen implizit der Aufruf verknüpft, durchzuhalten, schließlich habe der Pessimismus seinen Gipfel erreicht habe, was gut sei.

Gerne wird auch der Kostolany zitiert mit der These, dass die Aktien jetzt von zittrigen in feste Hände wechseln.Uns wird das Gefühl vermittelt, fallende Kurse seien Ausdruck irrationalen Handelns und somit nur psychologisch zu erklären.Allerdings werden wir im unklaren gelassen, wie diese irrationale Psychologie nun genau Aussehen soll.

 An dieser Stelle Hinweise auf Forumsereignisse, tatsächliche Irrationalität ?

Die erste Frage, die sich stellt, ist, in wie weit Psychologie tatsächlich für das Börsengeschehen von Relevanz ist.

Das Spannungsfeld ist groß. Es reicht von dem Modell der effizienten Märkte, für das psychologische Phänomene letztlich nicht interessant sind bis zur pauschalen Aussage, alles sei nur Psychologie 
So gibt der fundamental orientierte Trader an, sich wenig um psychologische Fragen zu kümmern. Langfristig würden sich immer die fundamentalen Gesichtspunkte durchsetzen. Psychologie sorge bestenfalls für ein Hintergrundrauschen, störende erratische Kursbewegungen, die sich am Ende aber gegenseitig aufheben und das fundamental sinnvolle Kursziel nicht verhindern können.
Der fundamental orientierte Händler steht dabei vor dem fundamentalen Problem, objektive Kriterien aufstellen zu müssen. Die Aussagekraft verschiedener Kriterien, also ihre Validität, ist aber höchst umstritten.

Als Beispiel nehmen wir das KGV und die Frage, ob es ein gültiges Maß für die Bewertung einer Aktie ist oder nicht. Die Berechnung des KGVs galt vor wenigen Monaten noch geradezu als verpönt, da sie nicht genügend die Entwicklungsdynamik des Unternehmens wiedergebe.
Wären sie klassischen Bewertungsgrundsätzen konsequent gefolgt, wären ihnen Technologieaktien schon vor 5 Jahren überteuert vorgekommen und sie hätten einer der größten Haussebewegungen der Börsengeschichte verpasst. Vor kurzem noch war das KUV in aller Munde, heute will niemand mehr davon etwas hören.
Galten hohe Verluste vor kurzem als gutes Zeichen einer expansiven Unternehmensstrategie, spricht man heute von Cash burn.
Solche Paradigmenwechsel sind an der Börse nicht die Ausnahme sondern die Regel. Denken sie an frühere Jahre. Galt ein Außenhandelsdefizit als Merkmal einer schwachen Währung,  interessiert es heute beim Dollar niemanden wirklich.

Sie werden also auch als fundamental orientierter Börsianer nicht umhinkommen, für solche plötzlichen kollektiven Meinungsumschwünge psychologische Faktoren zu diskutieren.

Kurse werden von Menschen gemacht. Menschen entscheiden aufgrund ihrer subjektiven Wahrnehmung, beeinflusst von ihren Einstellungen, ihren Erfahrungen, Überzeugungen, ihrem Umfeld und ihren Gefühlen.

Schon bevor Sie eine Entscheidung überhaupt treffen können, sind Sie einem psychologischen Problem ausgesetzt. Sie müssen sich erst einmal Ihren eigenen Weg durch den Informationsdschungel erkämpfen.

Die Masse an Information, die es an der Börse zu bewältigen gilt, geht für Mensch und Computer über die Leistungsgrenzen hinaus geht. Der Computer kann zwar viele Zahlen speichern, soll er sie aber logisch verknüpfen oder gar bewerten ist er hoffnungslos überfordert.

Der Mensch hingegen kann besser verknüpfen und bewerten, er kann aber nur eine geringe Zahl an Informationen aufnehmen.

Man bedenke nur, in welch vielfältiger Weise Wirtschaftsinformationen auf den Anleger einströmen, die selektiert und auf ihre Wichtigkeit geprüft werden müssen. Im Internet bieten Hunderte Börsenanalysten ihre Dienste an, etliche Wirtschaftsdienste bieten AdHoc Meldungen, etliche Finanzinstrumente gilt es im Blick zu haben. Denken Sie nur an die nicht zu überblickende Zahl von verschiedenen Finanzinstrumenten, die es zu überblicken gilt.

Folie mit der Darstellung wichtiger Begriffe : Währungsoptionen, Aktienoptionen, Futures, warrants, covered warrants, Indexoptionen, Swaps, range-option, Aktienfonds, Vertebraten, Discountzertifikate, Staatsanleihen, Aktienanleihen, Wandelanleihen, junk bonds, Edelmetalle, Warentermingeschäfte, Stillhalteoptionen, Immobilienfonds,

Es ist so viel, allein auf dieser Folie, dass sich das Hinschauen nicht wirklich lohnt. Das Gehirn wird durch die Menge an Information überfordert.

Man spricht vom Information overload.

Wenn Sie beim Lesen der Folie nicht über den Begriff „Vertrebaten“ gestolpert sind, sind Sie in diesem Moment ein Opfer der Information overload geworden.

Dieser information overload führt uns vor Augen, wie komplex die Börsenwelt tatsächlich ist. Um überhaupt in dieser Umgebung handeln zu können, ist der Marktteilnehmer gezwungen, Mittel zu finden, mit denen er diese Komplexität reduzieren kann. An dieser Stelle finden Börsenanalysten und Kommentatoren ihre Nische, indem sie verkürzte Modelle mit klaren Handlungsanweisungen anbieten (Kursziel xy Dollar, strong buy, Kursziel xx Dollar, hold etc). Die Verführung solchen verkürzten Darstellungen ist aufgrund der klaren Einfachheit hoch. Letztlich gibt es aber keine Meinungsmonopole. Wer aber genügend klarsichtig ist, um sich nicht auf solche Verkürzungen zu verlassen, wird nach einer eigenen  Strategie suchen, mit der das Börsengeschehen überschauen kann.

Kein Börsengeschäft wird rein rational ohne psychologische psychologische Einflüsse getätigt. Schauen wir uns beispielsweise an, wie ein Geschäft überhaupt Zustande kommt. Dazu müssen erst einmal zwei verschiedene Parteien zum selben Zeitpunkt bei im Normalfall gleichen Informationen unterschiedliche Vorstellungen haben, welcher Preis angemessen ist.

Beide müssen aber Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben, den angemessenen Preis ermitteln zu können. Es müssen also als Voraussetzung für das Zustandekommen eines Handels 1. unterschiedliche Preisvorstellungen vorliegen und 2. ein großes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten da sein.

Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sollte auch größer sein, als das Vertrauen in die Fähigkeiten des anderen Marktteilnehmers, der auf der anderen Seite des Geschäfts steht.

Woher soll dieses große Vertrauen kommen? Nun, es ist einfach da.

Denken Sie nur an die Autofahrer. 85% aller Deutschen halten sich für überdurchschnittlich gute Autofahrer. Männer wie Frauen. Es ist offensichtlich, dass nicht die Mehrheit überdurchschnittlich gut sein kann, das wäre ein Widerspruch in sich. Sie können aber ebenso davon ausgehen, dass die Mehrzahl der Aktionäre sich für überdurchschnittlich fähige Börsianer hält. Es dürfte sogar ein besonderes Kunststück sein, einen Anleger zu treffen, der sich für unterdurchschnittlich fähig hält, an der Börse zu agieren.

Es genügt aber auch ein genauerer Blick auf Deutschlands Autobahnen und auf Deutschlands Aktionäre um herauszufinden, dass offensichtlich in beiden Fällen die Mehrheit irrt.

Die Tendenz zur Selbstüberschätzung ist in zahlreichen Experimenten belegt. Man spricht von overconfidence.

Overconfidence ist aber zunächst als ein völlig normales Phänomen zu verstehen. Ohne ein gewisses Zutrauen in unsere Fähigkeiten werden wir nicht aktiv.

Die einzige Gruppe, die nicht zur overconfidence neigt, sind depressive Patienten. Richtige Selbsteinschätzung bedeutet also nicht gleich Erfolg.

Technisch orientierte Trader messen psychologischen Einflüssen auf das Kursgeschehen größere Bedeutung bei. Sie gehen in der Regel davon aus, dass in den Kursen fundamentale und psychologische Faktoren enthalten sind.

In unserem Forum haben wir eine große Zahl technisch geprägter Börsianer, naturgemäß vorwiegend Elliottwaver, aber auch die klassische Chartanalyse taucht auf, regelmäßig technische Indikatoren, neuerdings immer häufiger Candle sticks. Insbesondere bei den Elliottwaves werden psychologische oder massenpsychologische Faktoren als Grundlage der Wellenbewegung häufig diskutiert.

Der technisch orientierte Börsianer hat eine andere Modellvorstellung von der Börse als der fundamental orientierte Händler. Man spricht hier von der „inneren Repräsentation

Der eine denkt bei der Börse am ehesten an ein pendelndes Preisfindungssystem, das um einen vernünftigen Wert herumschwankt. Das Bild erinnert an eine Uhr, die mal vor mal nach geht. Andere denken bei der Börse an eine orientierungslos gewordene Lemmingherde, deren Bewegungen sie nützen wollen.

Ein anderes Modell ist das Goldeselmodell. Denken Sie nur an die Schlagzeilen amerikanischer Zeitschriften von 1929: we all ought to be rich. Ähnliche Schlagzeilen waren bis vor kurzem auch wieder in deutschen Börsenblättern zu lesen.

Ein weiteres Modell in vielen Köpfen ist das Pokermodell: Die Börse wird als Nullsummenspiel verstanden, der raffinierteste mit den stärksten Nerven gewinnt.

Ich möchte ein weiteres, neues Modell vorschlagen, das didaktische Vorteile bietet : das Schachmodell

Interessante Duelle ergeben sich, von Computer gegen Menschen Schach spielen. Computer führen für jeden möglichen Zug eine Analyse durch, indem jeder Figur und jeder Position ein fundamentaler Wert zugewiesen  wird und dann der Zug mit der höchsten Gesamtbewertung durchgeführt wird.

Auch Anfänger spielen ähnlich. Dame ist mehr Wert als ein Turm. Viel weiter wird nicht gesehen.

Erfahrene Spieler denken strategischer, vergleichen mit früheren Partien und haben etliche erprobte Muster im Kopf.

In einem Experiment von 1973 (Simon) wurden Schachmeister gebeten, ein Muster von Figuren auf dem Brett 5 Sekunden zu prüfen und es dann aus dem Gedächtnis wiederzugeben.

Profis konnten Muster aus 20 Figuren wiedergeben, Anfänger aus 5 Figuren.

Dieser Beitrag entspricht dem durchschnittlichen Informationsbetrag, den das Kurzzeitgedächtnis speichern kann.

Aber auch die Profis konnten ihre Leistung nur bringen, wenn die Figuren in erlaubten Formen angeordnet waren, d.h. in Konfigurationen, die während eines Spiels tatsächlich auftreten können.

Weitere Untersuchungen haben bestätigt, dass die Schachmeister nach Jahren komplexe Wissenstrukturen über erlaubte Konfigurationen von Schachfiguren aufgebaut haben. Man spricht von Chunks

Nach Schätzungen hat ein Schachmeister ein Reservoir von etwa 50000 Mustern oder chunks in seinem Gedächtnis abgespeichert.

Ich denke, diese Untersuchungen bei den Schachmeistern lässt sich auch auf Börsenmeister übertragen, auch wenn mir selbst hierzu keine Untersuchungen bekannt sind.

Auch der Börsenmeister denkt in Mustern. Er hat etliche Entwicklungen von Aktienkursen, Zinsen oder Wirtschaftlichem Wachstum in seinen Kopf. Er kennt verschiedenste Szenarien und kann sie vergleichen : Reaktion der Märkte nach dem „Ölpreisschock“, Veränderungen unter inflatorischen und deflatorischen Bedingungen, Entwicklung des Crash 87, Entstehung von Börsenblasen etc.

Der effiziente Börsenmeister hat eine ihm gut vertraute Hierarchie im Kopf, die ihm hilft, das vorhandene Wissen zu strukturieren.

Expertenwissen ist dadurch gekennzeichnet, dass es die große Menge an Faktenwissen auf „bedeutungstragende“ Weise verdichtet und in chunks abspeichert.

Chunks aus verschiedensten Wissensbereichen können auf kreative Weise miteinander verknüpft werden.

Darüber hinaus besteht ein metakognitives Wissen: Wissen, was man weiß und wissen, wie gut man die dargebotene Information versteht. Metakognitive Prozesse befähigen uns, unseren eigenen kognitiven Abläufen zu folgen.

Die Notwendigkeit metakognitiver Fähigkeiten für den Erwerb von Expertenwissen zeigt, dass es nicht reicht, sich nur Spezialwissen anzueignen.

Wir denken nicht nur in Mustern, wir nehmen auch in Mustern war und erinnern uns später in Form von Mustern.

Wenn uns eine Erinnerung in den Sinn kommt, wird die Erinnerung beispielsweise um so eindrücklicher und lebendiger sein, je stärker das Gefühl ist, das mit dieser Erinnerung verknüpft. Besonders schmerzhafte Erinnerungen bleiben sehr lange, vielleicht für immer in unserem Gedächtnis. (überrepräsentierte Crashes)

Dabei tritt uns nicht nur das Bild vor dem inneren Auge in Erscheinung und das Gefühl, das wir dabei verspürt haben, sondern vielleicht hören wir uns auch in dieser Situation sprechen, spüren das Zittern der Hände oder ein Hitzegefühl im Körper.

Alle Sinnesmodalitäten können in der Erinnerung verknüpft werden, zu einer Erinnerungskomplex. Diese komplexe Erfahrung von der Welt bestimmt nicht nur unser Selbstbild, sondern beeinflusst auch die Wirklichkeit, wie wir sie wahrnehmen. Der Erfahrungshintergrund bestimmt die Wahrnehmung der aktuellen Situation. Wahrnehmung wird dabei als dreistufiger Prozess verstanden.

Auf der ersten Stufe steht die Empfindung. Sie entspricht dem zweidimensionalen Bild, das sich auf unserer Netzhaut abbildet oder der Reizung der Haarzellen im Innenohr.

Die zweite Stufe ist die Stufe der Wahrnehmung. Man erkennt beispielsweise eine trapezförmige Fläche als Rechteck. Die Neuronale Erkennung ist sozusagen im Großhirn angekommen (Okzipital).

In der dritten Stufe kommt die Klassifikation. Das Rechteck hat gleich lange Seiten, die jeweils parallel sind. Damit muss es sich um ein Quadrat handeln.

Dieser Teil der Wahrnehmung ist der bottom-up Teil. Der Teil, der von der Sinneszelle bis zur Bewusstheit geht. Die Bewusstwerdung ist jedoch auch von Top-down Prozessen abhängig. Unsere Erwartungen, unser Wissen und unsere Motivation beeinflussen die Klassifikation unserer Wahrnehmung.

Wenn wir steigende Kurse erwarten, vor allem wenn wir aufgrund eines Aktienengagements auch motiviert sind, werden wir Hinweise, die nicht zu unserer Erwartung passen, nicht unbedingt wahrnehmen.

Dies lässt sich an den verschiedenen Formen der optischen Täuschungen gut nachweisen.

Beispieltext. FINISHED FILES ARE THE RESULT OF YEARS OF SCIENTIFIC STUDY COMBINED WITH THE EXPERIENCE OF YEARS.

In diesem Text habe ich die Buchstaben „F“ zählen lassen. Ca 1% der Zuhörer hat die richtige Zahl 6 gezählt.

"Of" ist nicht als eigenständiges Wort repräsentiert.

Aber auch für die Börse spielen diese Beobachtungen eine zentrale Rolle, zeigen sie doch, dass bereits auf der Ebene der bewussten Wahrnehmung aufgrund unterschiedlicher Erwartungen, früherer Erfahrungen und der Wünsche/ Motivation Unterschiede zwischen den verschiedenen Marktteilnehmern zu erwarten sind.

Klaus Holzkamp hat übrigens in den 60er Jahren sogar dieses Phänomen bei 10-13 jährige Kinder untersucht. Die Kinder wurden in nach ihrer Herkunft in 3 Gruppen aufgeteilt : Kinder aus armen, mittlerer und reichen Haushalten. Dann mussten sie die Größe von Geldmünzen und die Größe von Pappscheiben schätzen. Die armen Kinder haben die Größe der Geldmünzen weitaus höher überschätzt als die reichen Kinder. Sogar die Größe der Pappscheiben haben sie überschätzt.

Auch der Gruppendruck beeinflusst die Wahrnehmung. So wurden Gruppen von 7-9 Studenten 3 Striche unterschiedlicher Länge gezeigt, daneben ein Vergleichsstrich.

Die Frage war, welcher dieser 3 Striche so lang ist, wie der Vergleichsstrich.

Die Länge der Striche im Experiment entsprach Darstellung auf der gezeigten Folie.

Der Fehler sollte <1% sein.

Es war aber nur einer der Studenten tatsächliche Versuchsperson. Die anderen 8 waren heimlich eingeweiht und haben in 12 von 18 Durchgängen bewusst und einheitlich falsche Antworten gegeben.

Wenn die wirkliche Versuchsperson an die Reihe kam, folgte sie in 37% der Mehrheitsmeinung, obwohl diese offensichtlich falsch war. 25% der Versuchspersonen ließen sich allerdings nie beeinflussen, 30% der Versuchspersonen wurden fast immer beeinflusst.

Ist der Einfluss der top-down Prozesse bei der Wahrnehmung erst einmal verstanden und akzeptiert, ergeben sich die Folgen für die Börse fast von allein.

An erster Stelle ist dabei das Phänomen der selektiven Wahrnehmung zu nennen.

Damit ist die Beobachtung gemeint, dass Informationen selektiert werden und nur solche Informationen zugelassen werden, die mit den eigenen Vorstellungen, Erfahrungen und Erwartungen konsistent sind.

Widersprüchliche Informationen hingegen werden abgewehrt. Das Phänomen der Wahrnehmungsabwehr klingt widersprüchlich. Um eine Information abzuwehren, muss man sie ja erst wahrgenommen haben. Dies trifft aber, wie Sie nun gelernt haben, nur für die ersten beiden Stufen der Wahrnehmung zu.

Wahrnehmungsabwehr ist auch experimentell bestätigt. Man hat z.B. Reaktionszeiten gemessen, die Probanden brauchten, um Wörter zu erkennen. Neutrale Wörter wie tree wurden dabei signifikant schneller erkannt, als Worte wie bitch, die als bedrohlich erlebt wurden und offensichtlich erst einen Wahrnehmungswiderstand zu überwinden hatten.

Das Phänomen der Wahrnehmungsabwehr ist im übrigen schon von  Freud in ähnlicher Weise beschrieben worden. Er postulierte zahlreiche Abwehrmechanismen, die das Bewusstwerden von Konflikten verhindern sollen: Verdrängung, Verleugnung, Isolation, Identifikation sind die gängigsten. Sie sind zum Teil Allgemeingut geworden.

Nach Freud dienen diese Abwehrmechanismen zum Schutz des Ich vor nicht lösbaren Konflikten. Sie sind als suboptimaler Lösungsversuch des Individuums zu sehen.

Noch vor Freud hat aber schon 1877 Charles Pierre die Idee formuliert, dass ein Mensch dazu motiviert ist, feste Überzeugungen zu gewinnen und Zweifel zu meiden. Der Zweifel sei für das Individuum keine geeignete Handlungsgrundlage und würde als unbefriedigend empfunden.

Auf diesen Grundgedanken basieren die Modelle zur kognitiven Dissonanz. Die Grundlagen dazu hat Festinger 1957 gelegt.

Festinger geht davon aus, dass Personen ein Gleichgewicht zwischen ihren Meinungen, Werthaltungen und ihren Gedanken über sich und ihre Umwelt anstreben.

Also ein Gleichgewicht der Kognitionen.

Wenn die Kognitionen im Gleichgewicht zueinander stehen und von wechselseitiger Bedeutung sind, dann sind sie konsonant. Wenn sie sich widersprechen sind sie dissonant. Wenn ich beispielsweise überzeugt bin, dass Rauchen Krebs erzeugt und dennoch rauche, habe ich zwei Haltungen, die dissonant sind.

Dissonanz entsteht fast zwangsläufig, wenn Sie eine Aktie kaufen. Sie entscheiden sich für die Risiken, Anteile an einem Unternehmen zu besitzen, dass sie nicht genau kennen können und dessen Zukunft sie nicht sicher voraussagen können. Sie entscheiden sich gegen die Sicherheit, das Geld im Sparstrumpf zu lagern, wo es viel sicherer ist.

Beachten Sie, dass es zur Dissonanz erst kommt, nachdem Sie die Entscheidung getroffen haben. Wenn Sie an Ihre Gefühle beim Kauf von Aktien denken, werden Sie feststellen, dass die Zweifel nach dem Kauf der Aktie größer sind als vor dem Kauf.

Dadurch, dass Sie sich für die Unsicherheit und gegen die Sicherheit entschieden haben, widersprechen Sie Ihrer eigenen Überzeugung, keine unnötigen Risiken einzugehen und fühlen den Zweifel und die innere Anspannung.

Sie werden umgehend versuchen, diese Spannung zu reduzieren.

Kognitive Dissonanzen können aufgelöst werden durch  :

Addition neuer Kognitionen: Suchen Sie nach zusätzlichen Argumenten für den Kauf der Aktie. Oder sie beschließen, der Markt hat den Wert ihrer Aktie noch nicht erkannt.

Soziale Unterstützung. Erzählen Sie Gleichgesinnten vom Kauf dieser Aktie. Sie werden Ihnen zustimmen und selbst froh sein, soziale Unterstützung gefunden zu haben. Diese soziale Unterstützung können sie als neue Kognition und zusätzliches Kaufargument gebrauchen, nachdem Sie gekauft haben. Denken Sie daran : So viele schlaue Leute die Sie kennen, sei es auch nur über das Fernsehen, können nicht irren.

Subtraktion dissonanter Kognitionen (Verdrängen, Vergessen). Hier zeigt sich, wie gut Sie die selektive Wahrnehmung brauchen können. Gehen Sie allen Informationen aus dem Weg, die Ihre Entscheidung in Frage in stellen. Tun Sie das nicht, werden Sie mit Zweifel konfrontiert und dass ist kein Gefühl, dass Sie gerne haben wollen.

Wenn aber die Zahl negativer Wahrnehmungen steigt, werden Sie mehr Energie aufwenden müssen, um sich vor dem Zweifel zu schützen. Freud spricht von erheblichen Anstrengungen, die das Unterbewusste unternehmen muss, um das Ich zu schützen.

Taucht in solch einer dissonanten Situation ein neues Argument auf, dass die zweiflerische (dissonante) Kognition bestärkt (z.B. die Aktie verliert weiter) müssen Sie sich erneut entscheiden, welche Haltung (wörtlich, Aktie halten oder nicht) sie aufgeben wollen.

Bei weiter fallenden Kursen eskaliert die Dissonanz. Freud würde sagen, die Dynamik des Konflikts nimmt zu.

Sie müssen erleben, wie Ihre Entscheidung, die Aktie XY zu kaufen, mehr und mehr in Zweifel gezogen wird. Sie müssen immer mehr Energie aufwenden, um schlechte Nachrichten nicht wahrzunehmen. Immer neue Gedanken/Kognitionen müssen addiert werden, um den Zweifel zu entschärfen.

Als aufmerksamer Zuhörer werden Sie an dieser Stelle einwerfen, dass doch irgendwann der Moment kommen müsste, an dem die psychischen Kosten zu hoch werden und das Auflösen der Dissonanz durch Aufgabe einer Position doch die billigere Lösung wäre.

Festinger selbst schreibt dazu, dass Auflösen der Dissonanz sei ein angenehmer Prozess, vergleichbar der Befriedigung eines physiologischen Bedürfnisses, wie Trinken, wenn man Durst hat.

Warum passiert es nicht oder viel zu spät ?

  1. Psychoanalytisches Modell

Das Bewusstsein Mitaktionär und damit Miteigner eines großen Unternehmens zu sein, der Wunsch erfolgreich investieren zu können und damit die Fähigkeit zu beweisen Reichtümer anzuhäufen bestätigen unseren Wunsch nach Größe, Einmaligkeit überspitzt nach Gottähnlichkeit.

Das Liquidieren einer Position bedeutet nicht nur das Eingeständnis des eigenen Irrtums, sondern auch die Aufgabe der Hoffnung auf Erfüllung der eigenen Größenphantasien.

Wenn aber die narzisstische Vorstellung von Allmacht und eigenem Glanz in Frage gestellt werden muss, neigt der Betroffene im Sinne der für den Narzissmus typischen schwarz-weiß Sicht der Welt zu übertriebenen eigenen Abwertung und sieht sich als der schlechteste Anleger, ja der schlechteste, dümmste und geringst Mensch überhaupt an.

Aufgrund der geringen Attraktivität dieser Alternative, wird daher die narzisstische Überzeugung der eigenen Größe, die mit dem Halten der Aktienposition verknüpft ist, bis zum letzten aufrechterhalten.

  1. Behavioristisches Modell

Erklärung basiert auf dem operanten Konditionierungsmodell nach Skinner.

Die kognitive Dissonanz wäre im übrigen hierbei nur Teil der organismischen Variable und spielt nur eine untergeordnete Rolle. Das Verhalten wird in diesem Modell nicht primär über Kognitionen sondern über die Konsequenzen des Verhaltens gesteuert.

Erläuterung des operanten Konditionierungsprozesse:

-         Ausgehend von einer bestimmten Situation bestimmt die Konsequenz (positive und negative Konsequenz) mit welcher Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Verhalten wiederholt wird.

-         Beispiel der Hundedressur, bei dem der Hund für ein bestimmtes Verhalten regelmäßig verstärkt wird.

-         Darstellung des Zusammenhangs zwischen Art der Verstärkung (kontinuierlich, intermittierend) und Einfluss auf Löschungsresistenz.

-         Dann Anwendung des Beispiels auf die Börse.

Konditionierungsprozesse sind alltäglich, hocheffizient und wirksam. Sie wiederholen sich in unserem Beispiel täglich beim Check der Kurse.

Über die letzten 10 Jahre haben an der Börse die Belohnungen überwogen. Aber nicht regelmäßig. Das Verstärkungsmuster ist deutlich unregelmäßig intermittierend. Damit finden wir die Form von Verstärkung wieder, die die größte Löschungsresistenz  besitzt

Dieses Schema passt auch sehr gut zum Thema der Tagung, den Elliottwellen. Im Wechsel von Impuls- und Korrekturwellen finden Sie genau das intermittierende Verstärkungsverhalten der Börse wieder. Auch das von Elliott beschriebene law of alternation passt hier wunderbar. Es bestätigt den unregelmäßigen Ablauf der Verstärkungsprozesse.

  1. escalation of commitment

Betrachten wir noch mal für einen Moment die Ausgangssituation. Eines Tages entschließt sich ein Anleger an der Börse zu spekulieren. Es gibt kein Gesetz, dass zur Spekulation zwingt, die Entscheidung gilt als freiwillig. Es gibt zwar einen gewissen sozialen Druck, der entsteht, wenn die alle anderen Kollegen von ihren Erfolgen an der Börse berichten, aber das ändert nichts daran, dass die Entscheidung als freiwillig empfunden wird.

Für die Entscheidung wurden auch Gründe angeführt. V.a. der Grund, dass Aktien als Langfristanlage das nachweislich beste Instrument seien. Auf das Argument, dass Aktien auch fallen können, wurde man zwar hingewiesen, wie stark diese Information allerdings gewichtet wird, ist eine andere Frage.

Wenn wir eine Entscheidung treffen, dann fühlen wir uns dieser Entscheidung verpflichtet. Je freiwilliger die Entscheidung getroffen wurde, desto mehr fühlen wir uns verpflichtet. Je weniger Ihnen versprochen wird, je geringer die sichere Belohnung, desto freiwilliger die Entscheidung

Je größer meine Selbstverpflichtung, desto größer meine Bereitschaft, Widersprüche zu rechtfertigen, Dissonanzen aufzubauen.

Festinger hat dies einem Experiment nachgewiesen :

Versuchspersonen wurden nach einem langweiligen Experiment gebeten, einer anderen Studentengruppe zu sagen, dass Experiment sei spannend gewesen. Die eine Gruppe erhielt dafür 1 Dollar , die andere 20 Dollar Belohnung. Anschließend wurden die Studenten gefragt, wie sie Experiment tatsächlich empfunden hätten. Die Gruppe, die 20 Dollar erhalten hatte, schätzte das Experiment tatsächlich als langweilig ein. Die andere Gruppe hingegen schätzte das Experiment signifikant spannender ein. Offensichtlich reichte 1 Dollar nicht, um vor sich zu rechtfertigen, andere Studenten angelogen zu haben. Die Lüge erschien freiwillig. Damit entstand eine Dissonanz, die von den Studenten dadurch aufgelöst wurde, indem sie das Experiment vor sich und anderen tatsächlich für spannend erklärten.

Die menschliche Tendenz, an einmal getroffenen Entscheidungen festzuhalten, ist beachtlich. Die Psychologen sprechen vom Gefriereffekt.

Durch die sehr freiwillige Entscheidung, an der Börse aktiv werden, entsteht ein Engagement, das diese Haltung widerstandsfähig gegen Veränderung macht.

Die soziale Bestätigung, die sie erfahren, wenn sie ein Börsenengagement publik machen, indem Sie Bestätigung und Rat suchen, verstärkt Ihr Engagement und damit Ihre Widerstandskraft.

Auch kognitiv ergeben sich Veränderungen. Denken Sie noch einmal an die chunks

Die moderne Psychologie stellt sich im Rahmen ihrer neueren kognitiven Theorien ein Individuum vereinfachend wie einen sehr komplexen Computer vor. Der Speicher ist sehr komplex. In ihm werden verschiedene Konzepte gespeichert, die mit anderen Konzepten querverbunden sind. Als Verbindungen fungieren verschiedene Informationen, Meinungen etc.

Der Börsenhandel (jedes Handeln) führt, wenn er durchgeführt wurde, dazu, dass im Gehirn ein neues Element abgebildet wird.

Dieses neue Element  führt dazu, dass die Beziehungen zu den verbundenen Konzepten modifiziert werden. Unser kognitives Universum wird neu geordnet. Bei engagierten Individuen geschieht dies in der Mitte der Galaxis, bei nicht engagierten in der Peripherie.

Schließlich will ich noch auf vielfachen Wunsch auf das Thema „Massenpsychologie“ zu sprechen kommen.

Für mich als Empiriker stellt sich zuerst die Frage, was den Massenpsychologie überhaupt sein soll.

Massenpsychologie in unserem Sinne ist erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts entstanden, im Zeitalter der Industrialisierung, der Massenproduktion, der Massenmedien, der Arbeiterbewegung und der zunehmenden Anonymität des Großstadtlebens.

Gustave LeBon (1841-1931), frz. Arzt und Völkerkundler, gilt als ihr wichtigster Vertreter (nicht Begründer!) der Massenpsychologie:

In seinem Werk "Psychologie der Massen" stützt sich LeBon auf überlieferte Berichte und in Einzelfällen auf eigene Beobachtungen. Popularität erreichte er besonders durch die brillante Art der Darstellung. Hitler studierte LeBons "Massenpsychologie" zur Entwicklung seiner demagogischen Fähigkeiten. Das Werk thematisiert die Beziehung der fanatisierten Masse zu "ihrem Führer".

LeBon muss in meinen Augen heutzutage sehr kritisch betrachtet werden. Er benutzt eine sehr unscharfe Sprache und spricht bei „Massen“ letztlich von Gruppen, verschiedenster Art und vermischt sie in unzulässiger Weise. Er stütz sich  auf überlieferte Berichte von extremsten, der Alltagserfahrung nicht entsprechenden Situationen

Zu kritisieren ist fernen der moralisierende Charakter der Darstellung vom Typ "Die Masse sind die anderen", "Von Massen geht die Bedrohung der Kultur aus", LeBon beschreibt die Masse als primitiv, kulturfeindlich und zerstörerisch

LeBon registriert mehr, als er die Ursachen erklären kann. Zentral ist die Verwendung der Massenseele = Kollektivseele. Er geht von einem unveränderbaren biologischen Erbgut aus, das die Masse trägt. Das Fatale an LeBons Theorie ist seine oberflächlich richtige psychologische Beobachtung in Verbindung mit seiner konservativen politischen Auffassung, die reaktionär ist.

Psychoanalytischer Ansatz Freuds

Psychoanalyse; Regression:

Sigmund Freud leistete aus Sicht der Psychoanalyse einen Beitrag zur theoretischen Klärung von Massenprozessen und stellt im wesentlichen eine Auseinandersetzung mit LeBon dar.

Freud teilt die Ansicht LeBons von der Masse, die vom "Unbewussten beherrscht ist"; das Individuum kommt nach Freud "in der Masse unter Bedingungen, die ihm gestatten, die Verdrängungen seiner unbewussten Triebregungen abzuwerfen. Die Veränderung der Persönlichkeitsstruktur in der Masse beschreibt Freud als "Regression zu einer primitiven Seelentätigkeit", vergleichbar mit der Urhorde. Dabei ist der "Urvater" das Massenideal, das anstelle des Ich-Ideals das Ich beherrscht.

Massenpsychologie ist ein oft gebrauchter aber letztlich wenig oder gar nicht belegter Begriff mit geringer Aussagekraft. Der Begriff taucht heutzutage eigentlich fast nur noch in Börsenschriften und Büchern über den Faschismus auf. Ich persönlich bin der Meinung, dass es zwar tatsächlich so etwas wie massenpsychologische Phänomene gibt, sie tauchen aber nicht auf der Börse auf. Unter Massenpsychologie verstehe ich Suggestivphänome und hypnotische Effekte, wie sie auf Massenveranstaltungen v.a. im 3.Reich gezielt genützt wurden .

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abschließender Teil zu aktuellen Forumsereignissen gekürzt, da er wenig allgemeine Relevanz besitzt.

Dr. Robert Ivancic, Augsburg, ivancic@web.de