Zweiter
Teil
Die Biologie der Geschichte
»Du weißt gar nicht, mein lieber Junge, mit wie wenig
Vernunft die Welt regiert wird.«
Graf Axel Oxenstierna
Biologie und Zivilisation sind eng verwandt. Eine
menschliche Gemeinschaft ist zumindest eine biologische Population, die
verschiedenen ökologischen Gesetzen unterworfen ist. Aber daneben gibt es auch
strukturelle Parallelen oder Analogien. Adam Smith und Karl Marx haben sich bei
der Entwicklung ihrer Wirtschaftstheorien stark auf biologische Analogien gestützt,
und Charles Darwin hat den Begriff der Evolution durch natürliche Auswahl ausdrücklich
von Adam Smith übernommen.
Die Geschichte selbst stellt eine Analogie zur
biologischen Morphogenese dar. Beide befassen sich mit der Entwicklung von
Struktur innerhalb eines Systems. Genetisch identische Zellen differenzieren
sich in Nervenzellen, Muskelzellen etc. und werden zu komplexen Organismen mit
vielen spezialisierten Organen. In ähnlicher Weise haben sich Sammler/Jäger in
Priester, Könige, Metallbearbeiter etc. differenziert und komplexe Staaten mit
vielen spezialisierten Einrichtungen entwickelt. Sind die Mechanismen in beiden
Fällen analog?
In seinem Buch Living
Systems vergleicht der Biologe James Miller Zellen, Organe, Organismen,
Organisationen und Nationen; und gelangt zu dem Schluß, alle >lebenden
Systeme< besitzen eine gemeinsame Struktur (vgl. Robert A. Freitas, A
General Theory of Living Systems, >Analog<, März 1980). Alle bestehen
aus neunzehn lebensnotwendigen Subsystemen, die Information und/oder Materie/
Energie verarbeiten. Eine Zellmembran und die Grenz/Zoll-Wachen einer Nation
sind beispielsweise Grenz-Subsysteme und funktionieren in analoger Weise, indem
sie den Fluß von Information und Materie/Energie zwischen dem System und seiner
Umgebung regulieren. Falls eines von Millers neunzehn Subsystemen ausfällt,
>stirbt< das System.
Dr. Millers Modell liefert den Rahmen, um das Wissen über
eine Art von Lebenssystem auf andere Arten zu übertragen. Aber — ein Hinweis
zur Vorsicht! —: Gesellschaften sind ebensowenig >Super-Organismen< wie
Organisationen keine >Super-Zellen< sind! Sie sind eindeutig
unterschiedliche Arten von Systemen, die nichtsdestoweniger signifikante
strukturelle Parallelen aufweisen. Sämtliche lebenden Systeme verarbeiten
Information. Biologische Systeme benutzen dazu DNS, während zivilisatorische
Systeme Sprachen benutzen. Beide Formen der Informationsverarbeitung werden als
>Verkehr< bezeichnet. Der Informationsinhalt eines Systems wird als eine Komplexität
bezeichnet. Nicht-lebende Systeme werden in zunehmenden Maße weniger komplex
(Entropie); aber lebende Systeme sind imstande, von ihrer Umgebung Informationen
und Materie/Energie aufzunehmen
und komplexer zu
werden (Evolution).*
[Anm.:
Die Grenze ist hier fließend. Biologen sehen beispielsweise Viren nicht als
Lebewesen an. Es gibt eine ganze Klasse >selbst-organisierender< Systeme,
die den Übergang zwischen lebend und nicht-lebend überbrücken.]
Wir können die Komplexität einer Gesellschaft aus der
Zahl ihrer funktionalen Spezialisierung abschätzen. In einem Stammesverband ist
beispielsweise jeder Bauer, selbst der Häuptling und der Schmied; in einem
Stadtstaat hingegen gibt es hauptberufliche Verwalter und Künstler, die ihre
ganze Arbeitszeit diesem Beruf widmen. Vor fünfzig Jahren, schreibt David Warsh,
»verstand man unter einem >Spezialisten< einen Kavallerieoffizier oder
einen Chemiker. Heute haben wir Astronauten, Medienberater, Testingenieure,
Science Fiction-Schriftsteller und eine Unzahl weiterer Spezialisten.« Warsh führt
überzeugend aus, daß der allgemeine Preisanstieg eine Folge der wachsenden
gesellschaftlichen Komplexität ist, weil der Preis der Innovationen »wie eine
Kaskade« das ökonomische >Preisgewebe< durchläuft. Ein
Krankenhausaufenthalt, schreibt er, kostet heute mehr, weil er nicht mehr
dasselbe ist wie ein Krankenhausaufenthalt vor fünfzig Jahren. Auf diese Weise
folgt Perioden intensiver technischer Innovation gewöhnlich eine Periode der
Hyperinflation.
Systeme werden sowohl infolge der Spezialisierung der
Funktion als auch der Zentralisierung der Steuerung komplexer. Der Archäologe
Kent Flannery hat diese Prozesse erforscht und die Mechanismen studiert, die sie
herbeiführen. Je komplexer Gesellschaften werden, desto größer und
dauerhafter werden sie. Der weise Rat des Alten einer Schar von Jägern konnte
vielleicht ein Dutzend Leute am Lagerfeuer beeinflussen. Der Codex des Hammurabi
hingegen — vom Machtmonopol eines zivilisierten Staates geschrieben,
verbreitet und gestützt — hat im ganzen Nahen Osten über Jahrhunderte hinweg
Hunderttausende beeinflußt. Teile des Codex überlebten in der Bibel
(beispielsweise in Psalm 22/23) und beeinflussen so selbst heute noch Millionen.
Treibt man die Komplexität freilich zu weit, so wird
daraus Hypertrophie. Indem die
Gesellschaft sich zentralisierte und spezialisierte, hat sie sich in zunehmendem
Maße ihrem lokalen Habitat besser angepaßt. Bleibt das Habitat gleich, »kommt
die Entwicklung zum Stillstand« — ebenso wie bei biologischen Spezies —,
erreicht also einen Zustand des Gleichgewichts. Wenn die (physikalische oder
kulturelle) Umwelt sich ändert, kann die Gesellschaft sich möglicherweise
nicht mehr schnell genug anpassen. Institutionen/Organe, die ihr in der
Vergangenheit gute Dienste geleistet haben, können nicht sofort aufgegeben
werden! Die Folge ist häufig der Zusammenbruch: ein dunkles Zeitalter folgt.
Die Geschichte besteht sowohl aus konvergierender wie aus
divergierender Evolution. Manchmal verhalten sich unterschiedliche
Gesellschaften gleich — oft zur gleichen Zeit. Beispiele dafür sind die
weltweite Bevölkerungsexplosion, die im 16. Jahrhundert in Regionen begann, die
bezüglich ihrer Hygiene, der medizinischen Versorgung und ihrer religiösen
Vorstellungen völlig unterschiedlich geartet waren, und die beinahe
gleichzeitige Erfindung des Ackerbaus in Regionen mit völlig unterschiedlichen Pflanzen und Tieren. Die Ursachen in diesen Fällen
müssen global gewesen sein, oder >gemeinsame Ursachen< gehabt haben.
In anderen Fällen folgen Gesellschaften unterschiedlichen
Wegen. Als in Regionen wie Ägypten, Mesopotamien und Nordindien die ersten
Staatswesen entstanden, waren dies zentralisierte Despotien. In anderen
Regionen, wie Europa, Westafrika oder Südindien, waren es >feudale
Republiken<. Herrscher wie Ludwig XIV. oder Othamn dan Fodio übten nie auch
nur einen Bruchteil der Macht eines Cheops oder eines Hammurabi aus. Sagt uns
das etwas über die Art von Staat, der sich in Orbitalkolonien entwickeln könnte?*
[Anm.:
Ein Tip: Despotismus war in den von der Bewässerung abhängigen Gesellschaften
möglich, weil die Kontrollen zentralisiert waren. Der Herrscher konnte seinen
Feinden >das Wasser abgraben< — Herrscher in vom Regen bewässerten
Landstrichen konnten das nicht.]
Manchmal konvergieren und
divergieren Gesellschaften. Die Geschichte Chinas und die der
Mittelmeerzivilisationen verlief erstaunlich parallel, wobei die analogen Vorgänge
in Griechenland und Rom etwa zwei Jahrhunderte >verspätet< abliefen. Im
späteren Verlauf andererseits divergierte die geschichtliche Entwicklung in
ebenso bemerkenswertem Maße wie aus einem Vergleich der Analogien in Abbildung
14 hervorgeht.

Abbildung
14: Eine schematische Darstellung der Geschichte Chinas und der
Mittelmeerkulturen. Ein derartiges Schema verwischt die echten und wichtigen
Unterschiede, hebt aber auch einige wichtige Ähnlichkeiten hervor. Das
>Zweite Reich< war beispielsweise in beiden Fällen ausländischer
Herkunft (Mongolen und Manchu bzw. Türken), aber die phanariotischen Griechen
haben nie die Rolle der Ming gespielt. Sowohl das T'ang-Reich wie auch das von
Byzanz mußten ihre Herrschaftssphäre mit rivalisierenden Staaten teilen (den
Nan-chao oder Bulgarien). Der gescheiterte Versuch Karls des Großen, Sui wen-ti
nachzuahmen, bewirkte in Europa eine andere, vom Mittelmeerraum unabhängige
Entwicklung.
Man könnte nun leicht eine Theorie entwickeln, die eine völlige
Divergenz erklärt. Aber der
schiere Zufall genügt! Ebenso leicht könnte man völlige Konvergenz erklären:
beispielsweise durch instinktives Verhalten. Aber so leicht hat es der
Psychohistoriker nicht. Können wir sowohl
konvergierendes als auch divergierendes
Verhalten erklären?
»Eine
richtige Theorie muß Vorhersagen ermöglichen
Auguste Comte
Einige Zivilisationstheorien wie zum Beispiel die
Soziobiologie versuchen das gesellschaftliche Verhalten genetisch zu erklären
(vgl. Thomas A. Easton, Altruism,
Evolution, and Society, in >Analog<, Okt. 76, für einen Überblick über
die Soziobiologie). Gesellschaften sind jedoch zu radikalem Wandel fähig,
selbst innerhalb einer einzigen biologischen Generation: Beispiele dafür sind
die Modernisierung Japans durch die Meiji-Reformen oder die Übernahme des
Reiternomadentums durch die Prärie-Indianer.*
[Anm.:
Oder dachten Sie etwa, daß schnelle Veränderungen nur in fortgeschrittenen
industrialisierten Gesellschaften vorkommen?]
Zivilisatorische Errungenschaften wie die Glühbirne, der
Marxismus oder die Relativitätstheorie breiten sich in der Gesellschaft aus, ob
ihre Erfinder und deren Verwandte nun Nachkommen haben oder nicht. Das bedeutet
keineswegs, daß die Genetik in der Kultur keine
Rolle spielt. Genetische Theorien können die menschliche >Entwicklungs-Hüllkurve<
beschreiben, innerhalb derer eine Veränderung möglich ist, sind aber nicht
imstande, Variationen innerhalb dieser Hüllkurve zu erklären. Die müssen wir anderswo
suchen.
Wollen wir uns die informationsverarbeitende Seite der
Zivilisation doch einmal näher betrachten. Geschichte stellt sich ein, wenn die
Menschen ihr Verhalten ändern. Die Menschen werden seßhaft und beginnen
Ackerbau zu betreiben. Oder sie geben ihre Städte auf. Oder sie legen sich eine
neue Religion zu. Die Ärzte beginnen ein neues Heilmittel zu verschreiben;
Bauern fangen an, eine neue hybride Reissorte anzubauen. Die Menschen lernen
Briefmarken zu benutzen; oder Flugzeuge zu entführen. Manchmal >setzen
sich< diese Verhaltensweisen >durch< und manchmal nicht. Warum ist dies
so?
Vielleicht hilft Richard Dawkins Konzept der Meme
diesen Vorgang zu erläutern. Meme sind die kulturelle Analogie zu den Genen. Es
sind dies >elementare Ideen, die sich im Bewußtsein der Menschen
replizieren<. Fakten, Sprichwörter, Slogans etc. sind Beispiele für Meme.
Dieser Artikel ist ein Mem-Komplex. Meme >gedeihen und sterben gemäß ihrer
Nützlichkeit und ihrer Attraktivität im Gehirngewebe ...< Sie >pflanzen
sich durch das gesprochene Wort, durch Demonstration oder durch Radiowellen von
Gehirn zu Gehirn fort< und werden durch Imitation (mimesis)
aufgenommen. Sie induzieren erlerntes Verhalten, so wie Gene instinktives
Verhalten induzieren. Der Soziologe Robert Hamblin und seine Mitarbeiter haben
Hunderte von Fällen zivilisatorischer Veränderung studiert, angefangen beim
amerikanischen Eisenbahnverkehr bis zu Revolutionen. Durch graphische
Darstellung dieses Verhaltens über einen längeren Zeitraum hinweg stellten sie
fest, daß die Übernahme und die Nutzung von Innovationen mathematischen
Gesetzen folgt, die analog zu denen von Epidemien sind (Abb. 15).





Abbildung
15: Die e-Funktion paßt zu einer Vielzahl von Wachstumssituationen für lebende
Systeme. In der Biologie: dem Wachstum eines Organismus; dem Wachstum einer
Population; der Evolution einer Spezies. In der Kultur: dem Wachstum einer
Institution; der Häufigkeit eines Verhaltens (>Lernkurve<); der
Verbreitung einer Verhaltensweise in einer Bevölkerung; dem Gebrauch, der
Intensivierung, der Evolution einer Idee (z. B. der kumulierten Zahl
modifizierender Patente zu einer Grundlagenerfindung). In der Abbildung werden
einige Beispiele dargestellt.
Angenommen, p sei der Teil einer Gesellschaft, der mit
einem bestimmten Mem >infiziert< ist; und weiterhin angenommen, daß Angehörige
der Gesellschaft über gemeinsame Kommunikationskanäle dauernd miteinander in
Verbindung stehen. >Angehörige< können Menschen, Organisationen (wie
beispielsweise Industrieformen) oder Nationen/Staaten sein. (Beispiele sind: die
Verbreitung des >Bezahlten-Urlaubs-Mems< in der Wirtschaft oder des >Schulpflicht-Mems<
oder des >Briefmarken-Mems< in den westlichen Nationen.) Sobald >Nicht-Tuer<
auf >Tuer< stoßen, besteht eine Wahrscheinlichkeit k, daß der Nicht Tuer
sich mit dem Verhalten >ansteckt<, mit anderen Worten, daß
dp/dt = kp(1—p)
was sich zu einer e-Funktion integriert, die jener ähnlich
ist, die Ansteckungskrankheiten wie die Masern beschreibt. Die verfügbaren
Daten über kulturelle Diffusion deuten an, daß die e-Funktion dem in den
meisten Fällen gut entspricht.
Verhaltensweisen können sich auch durch den Kontakt mit
einer zentralen Informationsquelle ausbreiten (z. B. Fachzeitschriften,
Regierungsveröffentlichungen u. dgl.). Hier liegt eine Analogie zu
Umweltseuchen wie Cholera vor. In solchen Fällen paßt eine abflachende
Exponentialkurve besser. (Interessanterweise passen dieselben Kurven, die auf
die Zahl korrekter Antworten beim Lernen einer Aufgabe oder der Seitenzahl beim
Wachstum von Behördenvorschriften gelten; auch auf den Prozentsatz
>moderner< Eigenschaften in fossilisierten Gattungen. Man kann sagen, eine
Spezies >lernt<, modern zu sein, indem sie erfolgreiches Verhalten
>imitiert<! Ist punktuelles Gleichgewicht eine Folge der Lerntheorie?) Die
Vorstellung, Verhaltensweisen seien wie Epidemien (und Ideen wie Viren), ist
bestechend (vgl. Keith Henson, Memetics
and the Modular Mind, in >Analog<, Aug. 1987). Aber keineswegs neu.
Lewis Richardson schrieb 1946 in Mathematics
of War and foreign Politics, »der Eifer, Kriege zu führen ... kann als
Geisteskrankheit angesehen werden, die von denjenigen, die sich die Krankheit
bereits zugezogen haben, an jene anderen übertragen wird, die in aufnahmefähiger
Stimmung sind ...« Er entwickelte sogar eine Gleichung, die der Hamblins
gleicht. Man könnte sagen, daß Meme zwar in Hinblick auf die Gesellschaft als
ganzes wie Gene sind, vom Standpunkt des Individuums aus betrachtet dagegen wie
Viren. Im Lichte von Dr. Millers Living-Systems-Theorie wird ein großer Teil
der Mathematik, der Genetik und der Epidemiologie eines Tages in das Studium des
gesellschaftlichen Wandels einbezogen werden müssen.
Für die Ausbreitung von Memen gibt es auch ein
geographisches, oder, wenn man so will, räumliches Element. Wir sind davon
ausgegangen, daß die Angehörigen einer Gesellschaft über gemeinsame
Kommunikationskanäle dauernd miteinander in Verbindung stehen. Vor der
Erfindung der Telegrafie bedeutete das Kontakt von Angesicht zu Angesicht. Meme
zirkulierten mit den reisenden Menschen, insbesondere denen, die sich mit dem
Handel befaßten. Rashevsky hat für diesen Prozeß ein mathematisches Modell
entwickelt. Er drückte die Zahl der Reisenden, als eine Funktion von (unter
anderen Faktoren) w2 aus, wobei w das Produkt aus der Geschwindigkeit
und der Beförderungskapazität der Transport-Technik ist; das heißt, wie viel
kann wie schnell befördert werden. (So etwas ähnliches wie Kulturmoment.) Da
Schiffe mehr Ware schneller als Karren befördern konnten, folgert daraus, daß
Regionen mit gutem Zugang zu Flüssen und Küsten ein höheres w2 als
andere Regionen haben müssen. Eine Methode, um diesen Effekt zu messen, liegt
in der spezifischen Küstenlinie.
Dabei handelt es sich um das Verhältnis der gesamten Küstenstrecke + Fluß zu
der gesamten Landfläche. Wenn alle anderen Faktoren gleich sind (was nie der
Fall ist), sollten Regionen mit hoher spezifischer Küstenlinie, wie Westeuropa
und die Mittelmeerregion, höhere Raten der kulturellen Entwicklung erfahren,
sobald sie eine hinreichende Bevölkerungsdichte erreicht haben. (Eine kritische
Masse wird benötigt, um eine Kettenreaktion von Ideen in Gang zu halten.) Der
größte Teil der Kommunikation besteht darin, dass Leute sich gegenseitig
vertraute Meme wiederholen und sie Kindern und Neuzugezogenen lehren. Auf diese
Weise pflanzt eine Gesellschaft ihr >Kulturmuster< fort. Manchmal werden
alte Meme auf neuartige Weise miteinander verknüpft. Man nennt das
>Originalität<. Zu ganz seltenen Gelegenheiten taucht ein wirklich neues
4Mem auf: entweder eine spontane Mutation oder ein fremdartiges Mem aus einer
anderen Gesellschaft. Wenn das geschieht, widersetzt die Gesellschaft sich dem
in der Regel erbittert. Der Management-Berater Joseph Juran hat hinsichtlich des
kopernikanischen Mems geschrieben, daß es »einfacher
war, die Astronomen zu verbrennen, als die neue Idee anzunehmen«. Was bestimmt
nun, ob ein Mem vom >lmmunsystem< der Gesellschaft akzeptiert oder abgestoßen
wird? Das bringt uns zu der Psycho-Komponente
der Psychohistorik.
»Warum
sollten wir pflanzen, wo es auf der Welt doch
Kalahari-Buschmann
Individuen lernen empirisch, indem sie einmal gemachte
Fehler nicht mehr begehen, aber in
gesellschaftlichen Gruppen lernen wir auch, indem wir das erfolgreiche Verhalten
anderer beobachten und nachahmen. Affen sehen, Affen tun. (Dies mag Teil unserer
sozibiologischen Hüllkurve sein.) Je >erfolgreicher< uns das Verhalten
erscheint, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß wir es imitieren.
Jedes Verhalten hat seinen Preis: die Zeit und die
Energie, derer es bedarf, um es auszuüben. Jedes Verhalten provoziert auch
Reaktionen des physischen und sozialen Umfelds, welche das Verhalten verstärken.
Der Ackerbau beispielsweise produziert Nahrungsmittel, was den Vorgang des
Ackerbaus positiv verstärkt. Die Schwerkraft verstärkt den Vorgang des
Springens von hohen Gebäuden hingegen negativ.*
[Anm.: In
der modernen psychologischen Nomenklatur würde man formulieren: die Schwerkraft
bestraft das Springen von hohen Gebäuden. Es handelt sich um eine Bestrafung
Typ 1, ein unangenehmer Reiz wird hinzugefügt. Jede Verstärkung führt zum
vermehrten Auftreten des verstärkten Verhaltens, was beim Springen von Gebäuden
sicherlich nicht der Fall ist. Negative Verstärkung bedeutet, einen
unangenehmen Reiz zu entfernen]
Die
Wahrscheinlichkeit der Imitation eines Verhaltens ist direkt proportional zu der
Spanne zwischen Aufwand und Verstärkung (Abb. 16).

Abbildung
16: Die Menschen waren viele Jahrtausende länger Jäger als wir Ackerbauer
sind. Das Diagramm zeigt den Grund dafür. Die Säulenhöhe zeigt den Nutzen in
biopsychologischen Vorteilen; der schraffierte Teil die Anstrengung, deren es
bedarf, um diesen Vorteil zu erlangen und die weiße Partie den
biopsychologischen >Profit<. Die Jagd liefert mit relativ wenig Mühe
ausreichende Kalorien. Der Ackerbau liefert mehr Kalorien, aber der Aufwand ist
ebenfalls viel größer, so daß die >Profitrate< weniger attraktiv ist.
Derartige Verstärkung tritt in mannigfacher Form auf,
einige Verstärker sind natürlich, also Teil unseres soziologischen
Grundmusters, unserer Bauweise sozusagen. Andere Verstärker, wie beispielsweise
Geld, sind anerzogen. Wir lernen es, diese Verstärker zu wünschen. Harris hat
eine Minimalliste von drei natürlichen Verstärkern vorgeschlagen, nämlich:
1. Menschen müssen essen und werden sich im alle meinen für
eine Ernährung entscheiden, die eher mehr als weniger Nährstoffe liefert.
2. Der menschliche Sexualtrieb ist hochentwickelt, und die
Menschen finden in sexuellem Verkehr verstärktes Vergnügen.
3. Die Menschen brauchen Liebe und Zuneigung und werden,
bei sonst gleichen Umständen, darauf hinwirken, die Liebe und Zuneigung zu
vergrößern, die andere ihnen erweisen.
Harris nennt dies >biopsychologischen Nutzen<. Darüber
hinaus schlägt er noch einen vierten Nutzen vor, der sich auf den >Preis<
des Verhaltens auswirkt.
4. Gesetz der geringsten Mühe: Die Menschen können nicht
völlig untätig sein, ziehen es aber vor, wenn man sie mit einer bestimmten
Aufgabe betraut, diese eher durch Einsatz von weniger als durch Einsatz von mehr
Energie auszuführen.
Harris meint, kulturelle Institutionen resultieren daraus,
daß die Menschen versuchen, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Zwar mögen auch
andere Bedürfnisse als Verstärker wirken, im wesentlichen aber hängen sie
doch von diesen >Grundverstärkern< ab. Empirische Studien der Motivation
von Arbeitern scheinen das zu bestätigen. Der Management-Theoretiker Abraham
Maslow hat festgestellt, dass Arbeiter von einer >Bedürfnis-Hierarchie<
motiviert werden, die von >Überlebensbedürfnissen< bis zur
>Selbstverwirklichung< reichen. Die Verstärkung eines höheren Bedürfnisniveaus
kann, so stellte er fest, kann einen Arbeiter
nur dann motivieren, wenn die darunterliegenden Niveaus bereits
befriedigt waren. »Mit leerem Magen kann man nicht über Politik debattieren.«
Doch Vorsicht! Wir wollen nicht vergessen, daß wir hier
statistisch sprechen. Die Tatsache, daß Individuen im allgemeinen auf diese biopsychologischen Nutzen aus sind,
bedeutet keineswegs, daß a) jeder
darauf aus ist, oder b) daß jeder sie
erreicht! Systeme sind komplex, und wenn man mehrere unterschiedliche Vorteile
zu erreichen sucht, führt das häufig zum Gegenteil; ganz besonders dann, wenn
die unmittelbaren Ergebnisse eines Verhaltens nützlich erscheinen, aber die
langfristigen und die Nebeneffekte das nicht sind. Die Jagd liefert primitiven
Gesellschaften Kalorien; aber eine fortwährende Intensivierung der Jagd wird
das Wild vertreiben, und das führt im Endergebnis zu weniger Kalorien. Es ist
wie beim Glück: nur das Streben danach — nicht der Erfolg — wird von der
(amerikanischen) Verfassung garantiert. Nebeneffekts-Verhalten kann recht
unerwartete Formen annehmen. Die Wirkung hinkt oft viele Jahre hinter der
Ursache her. Keine Ursache hat nur eine Wirkung; keine Wirkung nur eine Ursache.
Man kann nie nur eines tun. Inflation ist ein Nebeneffekt von Rüstungsausgaben,
aber auch von technischer Innovation. Das System hat sein eigenes
>Meta-Leben< und auch >Meta-Zwecke<, die völlig unabhängig von den
Intentionen des Einzelnen sind. Der Environmentalismus hat die großen Oligopole
gestärkt, und das war ganz sicherlich nicht die Absicht der Befürworter von
>small is beautiful<.
»Man
kann plausibel argumentieren, daß die Gestalt
Robert A. Heinlein, Waldo
»Die
Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt
Karl Marx,
Die
Verhaltens-Infrastruktur einer Gesellschaft besteht aus den Methoden der Produktion und den Methoden
der Reproduktion. Die Methoden der Produktion sind, nach Harris, »die Techniken
und die Praktiken, die eingesetzt werden, um die für das Existenzminimum
erforderliche Produktion auszuweiten oder zu begrenzen, insbesondere die
Produktion von Nahrungsmitteln und anderer Formen der Energie unter Berücksichtigung
der Einschränkungen und Möglichkeiten, wie sie eine bestimmte Technologie im
Zusammenwirken mit einem speziellen Habitat liefert.« Die Reproduktionsmethoden
sind die »Technologie und die Praktiken, die für die Erweiterung, die Einschränkung
und die Aufrechterhaltung der Bevölkerungsgröße eingesetzt werden.« Dazu gehören
Dinge wie Initiationsriten, Heiratsvorschriften, Empfängnisverhütung,
Abtreibung und Kindstötung.
Prinzip
des infrastrukturellen Determinismus: Die
Verhaltensmethoden der Produktion und der Reproduktion bestimmen statistisch die
innere Verhaltensökonomie, die ihrerseits die Mythologie und den mentalen
Aufbau der Gesellschaft statistisch bestimmen.
Dieses Prinzip (Hervorhebung stammt von mir) ist die
Grundlage von Harris' Theorie des
Kulturellen Materialismus. Sie ist das Resultat unseres Unvermögens, zwei
ökologische Gesetze zu ändern:
1) Wir müssen
Energie einsetzen, um Energie zu gewinnen,
2) Unsere Fähigkeit
Kinder zu produzieren ist größer als unserer Fähigkeit, Energie für sie zu
liefern.
Die Infrastruktur ist »die Schnittstelle zwischen Kultur
und Natur«. Die materiellen Grenzen der Physik und der Biologie setzen sich
dort mit den kulturellen Praktiken auseinander, die darauf abzielen, sie zu überwinden.
Hier liegen die Wurzeln der Kultur, nicht etwa in den Mythen und dem Glauben der
Gesellschaft. Harris drückt das so aus: »Der Natur ist es gleichgültig, ob
Gott ein liebender Vater oder ein blutdürstiger Kannibale ist. Aber der Natur
ist es nicht gleichgültig, ob die Brachperiode eines Feldes ein oder zehn Jahre
beträgt.« Anders formuliert: Eine Gesellschaft, die den Ackerbau mit der Hacke
betreibt, kann nicht dieselben Institutionen haben wie eine, die sich der
Pflugschar bedient.
Harris hat einige Bücher über die infrastrukturellen
Ursprünge scheinbar irrationaler Bräuche geschrieben. Nehmen wir
beispielsweise das im Nahen Osten verbreitete Schweine-Tabu. In frühsteinzeitlichen
Ausgrabungen gibt es Funde von Schweineknochen, spätere Kulturen wie die Ägypter,
die Babylonier, die Hebräer und die Araber (selbst vor dem Islam) verabscheuten
das Schwein (siehe 3. Mos. 11 : 7—8;
oder Koran 2, 168). Der Grund hierfür
war nicht Mystik sondern Thermodynamik! Im Gegensatz zu anderen domestizierten
Tierrassen kann man Schweine nicht reiten, melken oder vor einen Pflug spannen.
Sie sind lediglich als Fleischvieh oder als Abfallfresser zu gebrauchen. Außerdem
sind sie am besten mit Lebensmitteln zu mästen, die Menschen auch direkt essen
können, also Nüssen und Knollengewächsen. Als sich im Nahen Osten der
Ackerbau ausbreitete, verschwanden die Wälder. Schweine können nicht schwitzen
und müssen, um sich in trockenem, baumlosen Gelände abzukühlen, in wertvollen
Wasserlöchern und Oasen suhlen. Aus diesem Grund würden sich
Gesellschaftsformen, die Schweineherden züchten — mit Ausnahme solcher in
bewaldeten Gegenden siehe Matt.
8.28—33) —, deutlich im Nachteil befinden. Ein Mem von der Art wie »Gott
verbietet Schweinefleisch« würde von der Physik der Entwaldung positiv verstärkt
werden. Aber die infrastrukturellen Bedingungen haben zu der göttlichen Weisung
geführt, nicht etwa umgekehrt. Wenn die infrastrukturellen Umstände nicht
stimmen, wird ein Mem sich nicht ausbreiten, ganz gleich wie nützlich es auch
Außenstehenden erscheinen mag. Manchen Indianerstämmen war das Rad bekannt.
Sie benutzten es als Spielzeug. Aber ohne Zugtiere bot der Bau von Karren zu
wenig Verstärkung. Der weiter oben zitierte Buschmann aus der Kalahari wußte,
wie man Ackerbau betreibt; er sah nur keinen Anlaß, sich die Mühe zu machen.
Herons Dampfturbine, Leonardo da Vincis Helikopter, Coandas Düsenflugzeug
(siehe >Analog<, Juli 1984), Lillienfields Transistor (siehe
>Analog<, März 1965). Nichts davon konnte >sich durchsetzen<. Warum
transistorisieren, überlegte man sich, wo es doch auf der Welt soviele Vakuumröhren
gibt?
Aber — um Margaret Silbars Formulierung zu gebrauchen
— Meme können >wiedergeboren< werden: Newton, Leibniz, und die
Differentialrechnung. Darwin, Wallace, und die natürliche Zuchtwahl. Henry,
Edison, Bell, Gray, und das Telefon. Wenn die Umstände stimmen, werden die
richtigen Gedanken gedacht werden — oft von mehreren Leuten gleichzeitig. »Große
Ideen liegen in der Luft«, sagt Stephen Jay Gould, »und mehrere Gelehrte
schwingen gleichzeitig ihre Netze.« Aus diesem Grund hat Gott in seiner
grenzenlosen Weisheit Patentanwälte geschaffen. (Alexander Bell und Elisha Gray
haben am gleichen Tag Telefonpatente
beantragt!) »Wenn die Zeit für Eisenbahnen da ist«, pflegte John W. Campbell
zu sagen, »fangen die Leute an, Eisenbahnen zu bauen.«
Diese Überlegungen führen uns zum: Grundaxiom der zivilisatorischen Evolution: Zivilisationen entwickeln sich durch natürliche Selektion, wobei sie
sich auf Meme stützen, um den biopsychischen Nutzen der Individuen zu
maximieren.
»Wenn
man einer Kaste angehörte, kannte man seinen
Paul Colinvaux
Jetzt wollen wir uns der energieverarbeitenden Seite
unserer Gesellschaft zuwenden. Eine menschliche Gemeinschaft ist eine
biologische Population. Wie für jede Population gilt auch für diese, daß
unsere Fähigkeit, Kinder zu produzieren, unsere Fähigkeit übersteigt, Energie
für sie zu beschaffen. Die daraus resultierende Knappheit an Ressourcen ist die
treibende Kraft der zivilisatorischen Entwicklung. Doch diese Analogie hat
einige Haken. Eine Gesellschaft ist eher ein Mosaik von Spezies, als daß sie
einer einzigen Spezies gleicht. Der Ökologe Paul Colinvaux sieht die
gesellschaftliche Klasse als das zivilisatorische Analogen zur Spezies. Eine
Spezies wird durch ihre Rolle im Ökosystem definiert; also durch ihren
>Lebensstil<: Was man ißt (und wovon man gefressen wird), welche Art von
Nest man baut und wo; wie man Partner für die Fortpflanzung findet usw. Wir
nennen das die Nische der jeweiligen
Spezies. Eine breite Nische (z.B. Bären) erfordert viele Ressourcen; eine
schmale Nische (z. B. Eichhörnchen) erfordert weniger.*
[Anm.:
Verhaltensbarrieren sind ebenso wichtig wie Fruchtbarkeitsbarrieren. Die beiden
wechselweise fruchtbaren Gattungen des atlantischen Blauflossenthunfischs werden
als unterschiedliche Spezies betrachtet, weil sie buchstäblich in verschiedenen
Kreisen schwimmen und die Laichgründe im mittleren Atlantik zu
unterschiedlichen Zeiten erreichen.]
In ähnlicher Weise wird eine gesellschaftliche Klasse
durch bestimmte Berufe, Kleidungsstil, Wohnung und Umgebung charakterisiert;
derartige Klassen pflegen auch innerhalb der eigenen Klasse zu heiraten. In
Kastengesellschaften wie dem hinduistischen Indien, dem viktorianischen England
oder dem späten römischen Reich wurden die Eheschließung, den Wohnort, den
Aufwand und die Berufsausübung betreffende Regeln explizit festgeschrieben;
implizit sind sie in allen menschlichen Gemeinschaften vorhanden. Die ökologische
Analogie läßt sich sogar
auf Beziehungen wie die zwischen Raubtier und Opfer
ausdehnen, wenn wir an die Stelle eines >Preisgewebes< für Tauschwerte
ein >Nahrungsgewebe< für Kalorien setzen. (Ob die jeweilige Gesellschaft
sich bestimmter Symbole aus Metall bedient, um den Tausch zu registrieren, ist
dabei ohne Belang.) So betrachtet sind Friseure die Räuber und Menschen mit
Haar ihre natürliche Beute.*
[Anm.:
Ein Räuber konsumiert gewöhnlich nur 10% der Kalorien seines Opfers; aber das
Opfer ist 100%ig tot. Im kulturellen Raub, wo Geld oder Güter stellvertretend für
die Kalorien eingesetzt werden, nehmen die Steuerbehörde, Händler,
Gewerkschafter oder Literaturagenten ihren Anteil an der Beute, aber das Opfer
überlebt — wenn auch in eingeschränkten Lebensumständen.]
Das fundamentale Gesetz der animalischen Ökologie besagt,
daß die Nische die Zahlen bestimmt. Die Nischengröße relativ zur
Ressourcenbasis bestimmt die Größe der Population, nicht etwa die Bemühung um
Fortpflanzung.
Auf diese Weise wird die Zahl von Anwälten (um ein
Beispiel zu gebrauchen) von der Größe der Anwaltsnische bestimmt, nicht etwa
durch die Fortpflanzungsbemühungen der juristischen Fakultäten. Dieselbe
Ressourcenbasis wird mehr schmale Nischen als breite tragen; und dies ist
der
Grund, warum es mehr Eichhörnchen als Bären gibt und weshalb Ladenangestellte
gegenüber Rechtsanwälten in der Überzahl sind.
Zwischen biologischen und kulturellen Spezies gibt es ein
wesentliches Unterscheidungsmerkmal. Die kulturelle Spezies ist nur sehr
undeutlich abgegrenzt. Überschüssige Eichhörnchen müssen sterben, wohingegen
überschüssige Rechtsanwälte die Nische wechseln und einen anständigen Job
finden können. Die Fähigkeit, die Nische
zu wechseln (und durch Technik zusätzlichen Nischenraum zu schaffen), macht es
aus, daß Menschen eine Geschichte haben — und Eichhörnchen nicht.
So betrachtet ist eine Gemeinschaft ein Mosaik undeutlich
voneinander abgegrenzter Spezies, wovon jede einzelne ihren eigenen Lebensstil
und ihre eigenen Ressourcenbedürfnisse hat. Und demzufolge hat auch jede
einzelne ihre eigene, ihr gemäße Wachstumsrate. Nur in diesem Zusammenhang
macht der Begriff vom Fortpflanzungsdruck einen Sinn. Der Druck wird unabhängig
von jeder Klasse/Spezies empfunden, nicht von der Gesellschaft als ganzes.
Jede Klasse/Spezies versucht den Fortpflanzungserfolg
dadurch zu maximieren, daß sie die größtmögliche Zahl von Kindern großzieht.
Wenn man zu wenige oder zu viele Nachkommen hat, riskiert man, seine Gene zu
verlieren. Die Familiengröße (in Wirklichkeit eine statistische Verteilung von
Familiengrößen) ist eine Funktion der Differenz zwischen den biopsychischen
Ressourcen, die von den Eltern benötigt werden, um ihren Lebensstil zu
bewahren, und der biopsychischen Investition, derer es bedarf, um in derselben
Nische Kinder aufzuziehen:
N ~ (R—P)/C
Hier sind N die durchschnittliche Kinderzahl, R die
erwarteten verfügbaren Ressourcen; P der Ressourcenbedarf der Eltern, und C der
Kostenaufwand, der benötigt wird, um ein Kind großzuziehen. So tendieren arme
Familien dazu, größer zu sein als wohlhabende Familien; und ländliche
Familien dazu, größer zu sein als städtische. Dies ist der Grund, weshalb die
Geburtenrate in den USA in dem Maße zurückging, wie das Land stärker verstädterte.
Der Aufwand, ein Kind in einer schmalen Nische großzuziehen, ist viel geringer
als in einer breiten. Niemand erwartet,
nach Harvard zu gehen! Außerdem fangen Kinder in schmalen Nischen in viel jüngeren
Jahren damit an, einen Beitrag zu den Familienressourcen zu leisten: indem sie
auf der Farm gewisse einfache Handreichungen übernehmen, indem sie auf den Straßen
betteln, oder indem sie (zumindest vor den Gesetzen bezüglich Kinderarbeit) in
Bergwerken oder Fabriken arbeiten. Im Gegensatz dazu sind Kinder in breiten
Nischen teuer und zahlen die Investitionen ihrer Eltern selten, wenn überhaupt,
zurück. In vielen sogenannten >Yuppie<-Nischen sind Kinder relativ zum
Lebensstil ihrer Eltern so teuer, daß diese sich ganz und gar gegen das
Kinderkriegen und -aufziehen entscheiden. Kurz gesagt, die Armen haben größere
Familien, weil sie sie sich >leisten< können. R mag niedrig sein, aber P
und C sind das auch. Entgegen allgemeiner Ansicht empfinden wohlhabende Kreise
den Fortpflanzungsdruck als viel größere Last als arme Kreise. Wie Colinvaux
bemerkt, ist für einen armen Teufel immer noch Platz; keineswegs aber für
einen weiteren erfolgreichen Handelsmann, Professor, Priester oder höheren
Beamten. Aus diesem Grund wurde das Nullwachstum der Bevölkerung in den weißen
Vororten und nicht etwa den schwarzen Ghettos entdeckt, und deshalb hat auch der
wohlhabende Club of Rome die Grenzen des Wachstums erstmalig entdeckt.
Das Bevölkerungswachstum ist in zweierlei Weise reguliert
worden. Die Einschränkung der
Fortpflanzungsprivilegien schließt Bräuche wie Mitgift,
Initiationsrituale, Homosexualität, Zölibat für die Priesterschaft,
staatliche Heiratslizenzen, hohen gesellschaftlichen Status für Jungfrauen,
Monogamie, die Pille etc. ein. Als Beispiel möge dienen, daß der Zuluherrscher
Chaka seinen Kriegern die Ehe verbot, solange sie nicht das dreißigste
Lebensjahr erreicht hatten.
Das zweite Mittel zur Regulierung besteht in einer Abschöpfung
des Überflusses durch Abtreibung und Kindstötung, speziell von Mädchen.*
[Anm.: Es
mag sexistisch klingen, aber Kindsmord und Abtreibung sind als Mittel der Bevölkerungskontrolle
nur dann wirksam, wenn vorzugsweise weibliche Opfer gewählt werden. Männer
sind für das Bevölkerungswachstum weithin irrelevant, werden aber in
primitiven Gemeinschaften zur Dorfverteidigung benötigt. Nur hochtechnisierte
Gemeinschaften sind von dem Bedürfnis befreit, starke, aggressive Männer
heranzuziehen und können sich daher Women's Lib leisten.]
Die alten Griechen legten ihre überschüssigen Babies auf
den Abfallhaufen der polis, moderne Amerikaner liefern sie in den
Abtreibungskliniken ab. Im viktorianischen Zeitalter fand man oft in den
Abfalltonnen der Slums im Eastend Babies. Hänsel und Gretels Vater brachte
seine beiden Kinder in den Wald und setzte sie dort aus. >Findling< klingt
zwar besser, ist aber Teil des nämlichen Verhaltenskomplexes. Zahlen aus dem
Mailand des 17. Jahrhunderts weisen beispielsweise aus, daß 10% der Babies auf
Kirchen- und Waisenhaustreppen ausgesetzt wurden. (Und nicht umsonst nannte man
die Waisenhäuser damals >Engelmacher<.) Diese schmerzlichen Maßnahmen
erzeugen einen starken Antrieb, sie durch Produktion von mehr Ressourcen zu
vermeiden. Herrscher arbeiten hart, um den Wohlstand ihrer Untertanen zu heben
und damit mehr und mehr Leute aus der Armut herauszuheben. Die einfachste
Methode besteht darin, die Technik der Ressourcenproduktion zu intensivieren:
also mehr Jäger hinauszuschicken; mehr Land unter den Pflug zu nehmen; mehr Ölquellen
anzubohren. Auf kurze Zeit mag die Erschließung neuer Ressourcen sogar das Bevölkerungswachstum
überholen. Aber am Ende flacht die Intensivierung ab. Habitatschäden
verringern den biopsychischen Nutzen der Technik, während gleichzeitig der
marginale biopsychische Aufwand steigt. Intensivierte Jagd vertreibt das Wild,
folglich müssen die Jäger länger jagen und weiter ziehen und bringen doch
weniger Kalorien nach Hause. Am Ende demotiviert die geringere Erfolgsmarge das
alte technologische Verhalten, und es kommt zu einem Durchbruch,
zu einer neuen Technologie (Abb. 17).

Abbildung
17: Schematische Darstellung des Übergangs von der Jagd zum Ackerbau.
(1) Anfänglich
führt die Intensivierung der Jagd zu mehr Nettokalorien.
(2)
Fortgesetzte Intensivierung erzeug; zunehmend geringeres marginales Wachstum, in
dem Maße wie die Grenzen der Technologie und der Habitats erreicht werden.
(3)
Schließlich führt >Überjagen< zu einer Entleerung des Habitats. Die
>Pleistozän-Megafauna< wurde ausgerottet, und unsere Vorfahren gingen zur
>Breitspektrum<-Jagd über (das heißt, sie aßen Würmer und Insekten und
Feldhasen, weil sie sämtliche Mammuts getötet hatten). Die Folge war weniger
Nahrung bei mehr Aufwand.
(4) An
diesem Punkt beginnt der Ackerbau trotz seines hohen Arbeitsaufwandes und der
schlechten Verteilung des Wohlstandes attraktiv zu werden.
Die neue Technologie erlaubt es einer größeren Zahl,
bequem in einem Habitat zu leben, das bisher überfüllt wirkte. Der Ackerbau
mit der Hacke kann die zehn bis hundertfache Bevölkerung, gemessen am Sammler/Jäger-Leben,
ernähren. Selbst wenn sie versuchten zu koexistieren, würden die Ackerbauer am Ende die Jäger
in einem Meer an Nachkommen ertränken. So haben die das Eisen nutzenden
Bantu-Bauern zwischen dem ersten und fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung
den steinzeitlichen Buschmännern das südliche Afrika weggenommen. Das
vermindert den Druck auf die Ressourcen. Allerdings ist diese Erleichterung nur
von kurzer Dauer, und bald setzt ein neuer Druckzyklus ein. Die unveränderte
Geburtenstrategie stellt sicher, daß die Bevölkerung weiterhin wächst, so daß
die infolge der neuen Technologie angewachsenen Ressourcen innerhalb weniger
Generationen verbraucht sein werden. Das Nettoergebnis von mehr Ressourcen waren
stets mehr Münder, die sie verbrauchten. »Die Armen«, sagte Jesus von
Nazareth, »werdet ihr stets in eurer Mitte haben.« Nach Colinvaux lautet das
erste soziale Gesetz der Ökologie: »Alle
Armut wird durch das dauernde Bevölkerungswachstum erzeugt.«
- die mittleren und oberen Klassen die Überfüllung als
erste fühlen werden.
- anfänglich den Armen zuneigende Machthaber selbstsüchtig
werden und damit zu Unterdrückern. (Der Environmentalismus und die Reaganomics
haben dieselben Wurzeln.)
- gesellschaftliche Unruhen episodisch sein (in dem Maße
wie zunächst neuer Nischenraum geschaffen und dann gefüllt wird) und von den
mittleren Klassen aus-
gehen werden.*
- sich Methoden entwickeln werden, um Menschen schmalen
Nischen zuzuteilen; z.B. Kastensysteme, Marktkräfte, staatliche Zuweisungen.
[Anm.:
Revolutionäre wie Robespierre, John Adams, Wladimir lljitsch Lenin, Ho Tschi
Minh, Sun Yat-sen u.a. gehörten alle der Ober- oder Mittelklasse an.]
»Und
er wird Recht sprechen zwischen den Völkern
Jesaja 2,4
»Und er wird Recht
sprechen zwischen vielen Völkern
Micha 4,3
»Rufet
dies aus unter den Völkern, rüstet zum Kriege, erwecket
die Helden; es sollen herkommen, anrücken alle
Joel 3,9 & 10
»Alles
hat seine bestimmte Stunde,
Prediger 3,1 & 8

Abbildung
18a: Daten über die Zahl der in jeder Dekade begonnenen Kriege zeigen einen
langsamen Zyklus, der sich um einen Durchschnittswert von sieben Kriegen windet.
Die X zeigen Abweichungen vom Durchschnitt (oder Über-/Unterschreitungen des
Durchschnitts), die wahrscheinlich nicht nur zufälligen Ursachen zuzuschreiben
sind. Die gepunkteten Linien sind die 95%-Wahrscheinlichkeitsgrenzen für
Zufallsschwankungen.
Die vielleicht verblüffendste Analyse dieser Art wurde
von J. S. Lee hinsichtlich der Kriege zwischen den chinesischen Staaten
erstellt, die in den dynastischen Annalen verzeichnet sind. Seine Graphik zeigt
zweieinhalb Wiederholungen eines 800 Jahre
alten Musters auf (Abb. 18b).

Abbildung
18b: Nach Zählung der in den dynastischen Annalen aufgezeichneten Kriege hat
China zweieinhaln Wiederholungen eines 800 Jahre dauernden Zyklus durchgemacht.
Dieser Zyklus besteht aus 400 Jahre langen Blöcken von >Krieg< und
>Frieden< (relativ gesprochen), China ist mit dem Ausbruch der T´ai-p´ing-Rebellion
in die gegenwärtige Phase von Krieg und Uneinigkeit eingetreten. Diese Phase
hat über die Zeiten der Kriegsherren, der fremden Besetzung, des Bürgerkriegs,
des Abfalls Taiwans und der Kulturrevolution angehalten. Wenn der Zyklus noch in
Kraft ist, wir China nicht vor der Mitte des 23. Jahrhunderts wiedervereinigt
werden.
Eine derartige Regelmäßigkeit ist ein starkes Argument
gegen die >Eroberer<-Theorie des Krieges. Selbst wenn Kriege von
ehrgeizigen Feldherren angezettelt werden, müssen wir immer noch eine Erklärung
dafür liefern, wieso die Feldherren zu vorbestimmten Zeitpunkten auftauchen!
Die ökologische Theorie liefert einige plausible Erklärungen:
»Wenn einem der Nischenraum für das gute Leben knapp
wird«, schreibt Colinvaux, »kann man immer noch anderswo nach mehr Ausschau
halten — durch Handel, Kolonien und Angriffskrieg.« Zivilisatorisch
gesprochen, besetzte man wesentlich mehr Raum als seine unmittelbare Umgebung.
Dieser >Raum< enthält proportionale
Anteile all des Ackerlandes, der Bergwerke, Parks, Theater usw., deren es
bedarf, um einem die gewohnte Nische und den gewohnten Lebensstil zu bewahren.
So kommt es, daß Menschen sich beengt fühlen können, obwohl scheinbar genügend
freies Land vorhanden ist (Abb. 19).

Abbildung
19: Eine schematische Darstellung von Nischenüberfüllung. Der Durchmesser
eines jeden Kreises stellt das Maß an Ressourcen dar, das für den Lebensstil
in einer bestimmten Nische benötigt wird. Es gibt 25% mehr »schmale
Nischen<, diese sind jedoch weniger >überfüllt<. Aus diesem Grund
machen sich die Angehörigen der Ober- und der Mittelklasse mehr Sorgen über
Bevölkerungskontrolle, und dies ist auch der Grund, weshalb wohlhabendere
Nationen arme Nationen angreifen.
Der Handel ermöglicht es einem, teilweise im Land eines
anderen zu leben. Die alten Hellenen importierten Weizen aus Sizilien und der
Ukraine; man könnte also sagen, daß die Mägen an jene Orte
>emigrierten<, ebenso wie unsere Benzintanks nach dem Nahen Osten
>emigriert< sind. Und das Wichtigste dabei ist, daß der Handel für die Händler
viele neue breite Nischen schafft. Und auch für die Soldaten, die die Karawanen
und die Schiffe beschützen. Am Ende, wenn die Zahlen gewachsen sind, um den zusätzlichen
Nischenraum zu füllen, wird das Land vom Handel abhängig. Man beachte, daß
die dichte Bevölkerung eine Folge der Abhängigkeit vom Handel ist, nicht etwa
eine Ursache dafür. Als nächstes kommen Kolonien. Die relativ kleine Zahl von
Kolonien wird die Massen zu Hause nicht verringern. Das Mutterland bleibt dicht
bevölkert. Das wird selbst dann gelten, wenn die Kolonien sich im Weltraum
befinden. Aber den Druck auf die bedrängten Mittel- und Oberklassen erleichtern
die Kolonien! (Man beachte das Zusammenfließen von Theorien: Die hohe
spezifische Küstenlinie deutet darauf hin, daß die Atlantik-Anrainerstaaten
Europas eine schnelle kulturelle Entwicklung durchmachen. Sie werden daher als
erste das Gefühl der >Beengung< empfinden, wobei >Insel-Länder<
wie England und Holland diese Beengung am stärksten empfinden. Ein
Potentialfeld, dessen Zentrum die Atlantikküste bildet und in dem die
Entfernungen auf Segelzeiten [bei gegebenen Wind- und Meeresströmungen]
basieren, definiert die Ökozone der europäischen Kolonisation. Die Verknüpfung
des Netzes weist auf die Wichtigkeit der Route zwischen der iberischen Halbinsel
und der Karibik hin. Die höhere Komplexität früher mechanischer
Gesellschaften gegenüber Hackbauern und Jägern läßt das Ergebnis ahnen. Auf
diese Weise lassen sich die groben Umrisse des frühen europäischen
Kolonialismus mühelos aus der Geographie und grundlegenden psychohistorischen
Prinzipien skizzieren. Wahrscheinlich werden überfüllte wohlhabende Inselländer
auch am erfolgreichsten bei der Errichtung von Weltraumkolonien sein. —
Irgendwelche Kandidaten?)
Am Ende werden die Handel treibenden Staaten erkennen, daß
sie sich die von ihnen benötigten Ressourcen leichter durch unmittelbaren
Diebstahl beschaffen können. Das hat nichts mit Begriffen wie dem >Nackten
Affen< oder dem >territorialem lmperativ< zu tun. Die Zivilisation,
nicht etwa die Biologie, ist die Ursache. »Der Staat ist berechnend«, schreibt
Colinvaux. »Die Soldaten sind gepanzert und vorsichtig. Der Feind ist schwach
und ein Opfer. Das Ziel ist Beute.«
Colinvaux liefert die Requisiten für Angriffskriege. Der
Aggressor ist ein reiches, dichtbesiedeltes, im Wachstum begriffenes Land mit
zunehmenden Erwartungen. Operativ ausgedrückt können wir sagen, das Land hat
(1) eine hohe Bevölkerungsdichte, (2) ein hohes Pro-Kopf-Einkommen und (3) in
beiden Bereichen hohe Wachstumsraten. Der Lebensstandard nimmt zu, und die
Menschen erwarten, daß ihre Kinder besser leben werden als sie.
Interessanterweise glaubt der Aggressor stets, daß er für die Freiheit kämpfe
(seine eigene natürlich). »Ein höherer Lebensstandard schließt stets eine
ausgeprägtere Wahlfreiheit ein, sich den Lebensweg nach eigenen Wünschen zu wählen,
und wird daher als eine Form der Freiheit betrachtet.« Das gilt selbst dann,
wenn der Staat ein totalitärer ist! Tatsächlich hat Colinvaux (1970!)
vorhergesagt, daß Rußland eines Tages mehr Freiheit im Sinne Jeffersons haben
würde. Und dies wegen seines Reichtums an natürlichen Ressourcen. Das einzig
Falsche, schrieb er, ist das Übermaß an Polizisten ... »Und Polizisten kommen
und gehen.«
Sobald das Bevölkerungswachstum den Lebensstandard der
oberen Klassen bedroht, ist die Folge stets Angriffskrieg. Natürlich bedarf es
eines geeigneten Opfers. Das Opfer ist nach den Maßstäben des Aggressors
technisch rückständig, verfügt aber über Ressourcen, die der Aggressor benötigt,
um seinen höheren Lebensstandard und seine Wachstumsrate aufrechtzuerhalten.
Kurz gesagt — wohlhabende Länder greifen arme an. Zu den Beispielen zählen:
Österreich-Ungarns Angriff auf Serbien; Deutschlands Angriff auf Polen; der
japanische Angriff auf die Mandschurei; die britischen Angriffe auf Indien, die
Goldküste und andere Kolonialbereiche; der Angriff der Vereinigten Staaten auf
Mexiko, das Spanische Weltreich und die verschiedenen Indianerstämme; die
russischen und sowjetischen Angriffe auf Afghanistan, Finnland, die sibirischen
Stämme etc. etc. Wendet man diese Theorie auf Afrika an, so kann man daraus
entnehmen, daß Libyen der wahrscheinlichste Angreiferstaat und Tschad das
wahrscheinlichste Opfer sein müssen (Abb. 20). Dem Leser bleibt es überlassen,
dieselbe Analyse auf Mittelamerika anzuwenden. Die Resultate werden ihn möglicherweise
überraschen.

Abbildung
20: Eine Analyse der Bevölkerungsdichte und des Wohlstandes in Afrika zeigt, daß
nur Libyen und der Tschad benachbarte >Aggressor-Opfer<-Länder sind.
Die militärische Expansion dauert an, bis der
Aggressorstaat auf Ökozonen- oder Kommunikationsbarrieren stößt — oder auf
die Armeen eines anderen Staates. Erfolgreiche Aggression erfordert eine überlegene
Militärtechnik (zumindest dem Opfer oder den Freunden des Opfers überlegen!).
Die griechische Phalanx durchschnitt die persische Armee wie ... nun wie Bronze
Baumwolle. Die gepanzerte
4Bürgerphalanx, von Kindheit an dazu gedrillt, als
Einheit zu kämpfen, war eine überlegene Militärtechnik — ein wandelnder
Tank —, und die Perser hatten nicht die geringste Chance, sie rechtzeitig zu
imitieren. Aber gegen andere Staaten, die die Phalanx benutzten, wie Rom oder
Karthago, hatten die Griechen wenig Chancen. Und schließlich fielen sie, als
die Römer eine bessere Technik — die Legion — zur Vollkommenheit
entwickelten. Ähnlich machte die Legion der schwer gepanzerten Kavallerie
Platz; letztere dem Pikenkarree und dieses dem Langbogen, und so weiter.
Unter gebildeten, technisch hochstehenden Staaten können
militärische Techniken schnell imitiert werden. Das Opfer oder sein Freund können
die neuen Methoden lernen und sie gegen den Aggressor einsetzen. Das Dritte
Reich beispielsweise unterlag einem alliierten Blitzkrieg, in dem Panzer und
Flugzeuge eingesetzt werden. Demzufolge werden moderne nichtnukleare Kriege
aller Wahrscheinlichkeit nach ergebnislos oder jedenfalls nicht erfolgreich
sein. Nur ein nuklearer Angriff bietet die Chance erfolgreicher Aggression —
unter der Voraussetzung, daß nicht mit Vergeltungsschlägen des Opfers oder
seiner Freunde gerechnet werden muß!
Erfreulicherweise erfüllt ein Nuklearkrieg zwischen der
Sowjetunion und den Vereinigten Staaten nicht die ökologischen Notwendigkeiten.
Keine der beiden Seiten glaubt, über eine den Sieg garantierende Militärtechnik
zu verfügen. Viel wichtiger aber: die Bevölkerung beider Länder ist
verglichen mit dem verfügbaren Nischenraum gering und nimmt auch nur langsam
zu. Keines der beiden Länder leidet unter hinreichender
>Ressourcen-Enge<, um einen Angriff auf das andere auszulösen. Um einen
potentiellen nuklearen Aggressor zu finden, brauchen wir ein >lnsel<Land
(eines, das von Wasser, Wüste oder sonstwie ungeeignetem Territorium umgeben
ist), welches »reich, frei, ehrgeizig, gebildet, in Handel und Wandel erfahren
und geschickt ist, aber auf den Lebensraum anderer Länder für den Wohlstand
und die Freiheit einer großen Bevölkerung angewiesen ist.« Die ökologische
Geschichte deutet darauf hin, daß Länder wie Athen, Karthago, Venedig,
England, Japan oder Singapur am ersten und eindringlichsten solche
Ressourcen-Beengung empfinden werden.*
[Anm.:
Wir sehen England gerne als friedliebend an. Aber fragen Sie einmal die Iren,
die Bengalis, die Kenianer und andere! Und vergessen Sie nicht, daß England das
größte Immobiliengeschäft der Geschichte auf den Spitzen seiner Bajonette
betrieben hat!]
Keines der heutigen >lnsel<-Länder leidet unter
beunruhigenden Beengungen, wenn Japan auch eine recht aggressive Handelspolitik
betreibt. Aber die Zukunft kann da ganz andere Dinge bringen. Bevölkerungen
fahren fort zu wachsen. (Langsam oder schnell, das besagt nichts, das
Wachstum selbst ist das Entscheidende.) Colinvaux vermutet, daß wir im nächsten
Jahrhundert einen atomaren Überfall kleineren Ausmaßes seitens einer reichen
>lnsel<-Nation auf eine schwache >Opfer<-Nation erleben werden,
wobei der Aggressor sich auf die Tatsache verlassen wird, daß die Supermächte
es vorziehen werden, das fait accompli hinzunehmen, anstatt einen weltweiten
Brand zu riskieren.
»Die
nächtlichen Sterne sind nicht deshalb weniger
frei nach Colin Renfrew
Dieser Artikel ist zu kurz, um der ganzen Breite der
Psychohistorik gerecht zu werden. Welche Rolle spielen Seuchen oder
Naturkatastrophen? Erstere waren mit Sicherheit ein bedeutender Faktor bei der
Ausrottung der Indianerstämme in Amerika und beim Triumph der europäischen Städte
über das feudale Land.*
[Anm.:
Die dichtbesiedelten Städte waren wahre Brutkästen für Seuchen, gegenüber
denen sich die Stadtbewohner immunisierten. Als die Stadtbewohner dann aufs Land
hinauszogen, schrieb Nigel Calder, fällten sie ihre Gegner mit wohlgezieltem
Niesen.]
Auf so wesentliche Themen wie operationale
Begriffsbestimmungen oder die Verläßlichkeit von Maßangaben sind wir überhaupt
nicht eingegangen. (Wie groß ist die Bevölkerung der Sowjetunion wirklich?
Woher wissen Sie das?) Diese Themen sind wichtig. Die Katastrophentheorie (und
die neu aufkommende >Chaostheorie<) demonstriert, daß winzige
Unterschiede in den Eingabevariablen große Unterschiede im Systemverhalten
hervorrufen können. Und doch sind zu viele Begriffe in den
Zivilisationswissenschaften jämmerlich schlecht definiert. (Ist die UdSSR ein Reich
des Bösen? Sind Nuklearkraftwerke sicher?
Und was bedeuten solche Worte?) Was ist ein Krieg? Singer und Small haben Listen
von Kriegen verglichen, die von unterschiedlichen Forschern zusammengestellt
worden waren. Keine zwei Listen waren gleich! Aber irgendwo müssen wir ein Ende
machen.
Ich habe versucht, die verschiedenen Theorien und Methoden
der Psychohistorik so klar und genau vorzustellen, wie mir das möglich war, mußte
aber notwendigerweise viele Einzelheiten und weiterführende Informationen
weglassen. Ich hoffe, damit nicht die Theorie irgendeines Fachmannes verzerrt
oder falsch wiedergegeben zu haben. Interessierte Leser verweise ich auf die
Memographie am Ende des Artikels. .
Nach meiner Kenntnis ist dies das erste Mal, daß all
diese Ideen zusammengefügt worden sind: Techniken aus der Qualitätskontrolle,
der Topologie, der Systemanalyse; Ideen aus der Biologie und der Ökologie, aus
der Verhaltenspsychologie und der Betriebswirtschaft. Wie alle zusammenpassen,
ist keineswegs klar, nicht einmal, ob sie überhaupt zusammenpassen! Einige
werden ohne Zweifel unter den Tisch fallen. Vielleicht sollte man eine Konferenz
einberufen — sagen wir eine Foundation-Konferenz —, wo Colinvaux, Renfrew,
Rashevsky, Harris und die anderen sich zusammensetzen und diese Themen
besprechen können!
Wir haben gesehen, daß eine wissenschaftliche Geschichte
möglich ist. >Empiriker< wie Hamblin haben die zugrundeliegende Gesetzmäßigkeit
des sozialen Verhaltens entdeckt. >Modellbauer< wie Rashevsky und Renfrew
haben mathematische Faksimile der zivilisatorischen Prozesse konstruiert. >Ökologen<
wie Harris und Colinvaux haben plausible Theorien materieller Kausalität dazu
skizziert.
Psychohistorik ist möglich — aber ist sie wünschenswert?
— Welche Implikationen für die Menschenwürde bringt sie mit sich? Ist es möglich,
daß sich in diesem Augenblick so etwas wie eine >Babbage-Gesellschaft<
trifft? Das Mem, wonach die Wissenschaft irgendwie entmenschlichend sei, ist
stark in unserer Gesellschaft verwurzelt. Oder, wie ein Intellektueller kürzlich
schrieb, »es wächst das Gefühl, daß die ehrwürdigen Methoden der
Geschichte, die im wesentlichen auf denen der Naturwissenschaften basieren,
konzeptionell und moralisch bankrott sind«. Die Aussage, wissenschaftliche
Methoden seien in irgendeiner der sozialen Disziplinen >ehrwürdig<, wird
die Leser von >Analog< ohne Zweifel überraschen, aber die Ansicht, die
dieser Bemerkung zugrundeliegt, sicherlich nicht. Tatsache ist, daß die
Naturwissenschaft die Geistes- und Sozialwissenschaften seit geraumer Zeit immer
wieder mal auf den Kopf gestellt hat. Der erste Aufbruch der Physiker in die
Archäologie — Altersbestimmung durch radioaktiven Kohlenstoff — führte zu
einer gründlichen Revolution der prähistorischen Chronologie, einer
Revolution, die anzuerkennen sich einige Archäologen immer noch schlichtweg
weigern. In ähnlicher Weise hat die kartographische Erfassung der Genfrequenzen
durch die Biologie einige noch interessantere Fakten ans Tageslicht gebracht,
wie beispielsweise den Angriff der Milchtrinkenden Mutanten, deren eigenartige Fähigkeit,
als Erwachsene Milch verdauen zu können, zu der Kuh-und-Pflug-Revolution führte
und damit die arischen, semitischen und sudanesischen schwarzen Rassen
hervorbrachte.*
[Anm.: Brüder
unter der Haut sozusagen. Die Gene sind da, ganz gleich, was die rassistischen
Theorien dazu besagen. Genetisch sind die weiße und die schwarze Rasse enger
miteinander verwandt als jede von beiden mit der gelben, der braunen oder der
roten. Sie haben einen gemeinsamen Vorfahren aus jüngerer Vergangenheit.]
Ein detaillierter Fahrplan in die Zukunft a la Hari Seldon
wird aber nicht möglich sein. Geschichte ist ein evolutionärer Prozeß. Veränderungen
sind kumulativ und jeder Moment wächst in den nächsten. Zufallsfluktuationen können
durch kausale Abhängigkeiten verstärkt werden. »For want of a nail, a shoe
was lost ...« Nehmen wir an, wir hätten die Saurier und wir hätten Darwins
Evolutionstheorie: welcher Biologe könnte auf dieser Basis die Giraffe
voraussagen? Oder betrachten Sie das Problem der Wettervorhersage — und dabei
handelt es sich lediglich um Physik! Ebenso wie Meteorologen einigermaßen vernünftig
das Klima wenn nicht das Wetter vorhersagen können, und ein Biologe möglicherweise
>langhalsige Baumwipfelabweider< prophezeien könnte, wenn nicht den
Diplodocus oder die Giraffe; so könnte der Psychohistoriker imstande sein, die
groben Umrisse der Zukunft vorherzusagen. Ganz sicher könnte er das, was
augenblicklich geschieht, beleuchten. Eines steht außer Zweifel: wenn
es so etwas wie geschichtliche Kräfte gibt, dann sind sie am Werk, ob wir uns
ihrer nun bewußt sind oder nicht! Liegt darin größere Menschenwürde, das
Opfer von Umständen zu sein, als darin, daß man versucht, sie zu studieren und
zu verändern? Die Wissenschaft schränkt den menschlichen Geist nicht ein, sie
erweitert ihn. Wir fliegen — trotz der Gesetze der Schwerkraft! Wie Marvin
Harris es formuliert hat — Subjektivität und Selbsttäuschung sind nicht das
Maß des Menschseins.
Indem wir die Prozesse der Geschichte besser verstehen, können
wir in höherem Maße die Lenkung unseres eigenen Lebens in die Hand nehmen. Die
Zeit ist dahin, wo wir den Göttern, dem Unglück oder den Rosenkreuzern die
Schuld für alles gaben, was geschieht — oder der Babbage-Gesellschaft. Sich
auf Ideologien, was sein sollte, zu verlassen, ist kein Einsatz für das sorgfältige
Studium dessen, was ist. Und vielleicht ist das ein Grund dafür, weshalb
die Vorstellung einer wissenschaftlichen Geschichte verspottet und denunziert
werden wird — sei es nun als >faschistisch< oder >kommunistisch<,
je nachdem, welcher Ideologie derjenige angehört, der sie verteufelt. Es gibt
Menschen mit massiven Interessen, die Ursachen der Geschichte zu mystifizieren
und den Status quo zu bewahren.
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